Gold und Silber haben zu Beginn des Jahres 2026 historische Preisniveaus erreicht. Was treibt diese Entwicklung – und wie stellt sich der Markt jenseits der Schlagzeilen dar? Darüber sprechen wir mit Dr. Bernhard Fuchs, Senior Vice President Umicore Precious Metals Management und Vorstand der Umicore AG & Co. KG, der die Edelmetallmärkte seit Jahrzehnten aufmerksam begleitet.

Herr Dr. Fuchs, hätten Sie sich vor einem Jahr vorstellen können, dass wir Anfang 2026 Goldpreise von über 5.000 US-Dollar je Feinunze und Silberpreise nahe 100 US-Dollar sehen?

Um ehrlich zu sein, nein, nicht in dieser Dimension. Selbst für Umicore als Experte im Bereich Edelmetallmanagement sind diese Werte aussergewöhnlich. Vor einem Jahr hatten weder wir noch die meisten Analysten diese Werte vorhergesagt, obwohl einige durchaus optimistisch für beide Metalle waren. Es wurde lebhaft darüber diskutiert, ob Gold im Jahr 2025 die Marke von 4.000 US-Dollar je Feinunze erreichen könnte. Als das geschah, wurden erstmals 5.000 US-Dollar bis Ende 2026 als Möglichkeit in den Raum gestellt.

Bei Silber war die Ausgangslage ähnlich. Obwohl es schon früh erste Anzeichen für ein Aufholpotenzial gab, lag der Preis für Silber im November 2025 noch unter 60 US-Dollar. Der Anstieg auf rund 100 US-Dollar erfolgte dann innerhalb weniger Wochen im Januar 2026.

Ich bin seit über 25 Jahren im Metallmanagement tätig und habe schon viel gesehen – von unter 10.000 Euro für ein Kilogramm Gold bis hin zu 70.000 Euro/Kilogramm über einen Zeitraum von 25 Jahren – aber einen solchen Anstieg in so kurzer Zeit hat es noch nie gegeben. Prozentual war der Anstieg bei Silber kürzlich sogar noch stärker.

Wie angespannt ist die Versorgungslage bei Edelmetallen aktuell, wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?

Das hängt stark vom „Format“ des Edelmetalls ab. Im Interbankenhandel, wo Gold und Silber vor allem elektronisch gehandelt werden, sehen wir derzeit keine Engpässe. Das heisst für uns, dass die Metalle weltweit verfügbar sind.

Anders sieht es aus, wenn es um physische Gold- und Silberbarren geht. Die Nachfrage nach diesen Produkten ist seit Monaten extrem hoch. Obwohl wir unsere Produktionskapazitäten erhöht haben, hat diese aussergewöhnliche Nachfrage zu längeren Lieferzeiten geführt.

Wie sieht es bei den einzelnen Edelmetallen mit Blick auf Verfügbarkeit und Lieferzeiten konkret aus?

Wie bereits erwähnt, sehen wir bei Gold und Silber keine physische Verknappung für unsere Barrenproduktion. Die Metalle sind verfügbar. Die Herausforderung – für Umicore und die gesamte Branche weltweit – besteht jedoch darin, die aussergewöhnlich hohe Nachfrage nach Barren, insbesondere nach kleineren, zu bedienen. Diese Nachfrage, besonders nach kleineren Barren, wird durch die höheren Edelmetallpreise befeuert.

Platin profitiert sowohl von industrieller Nachfrage als auch von neuen technologischen Anwendungen. Wie beurteilen Sie die Perspektive von Platin vor diesem Hintergrund?

Platin spielt in der Tat eine entscheidende Rolle, beispielsweise in Katalysatoren, wo es ein wichtiger Rohstoff und ein Kernbestandteil der Automobilkatalysatortechnologien von Umicore sowie in industriellen Katalysatoren ist.

Der Platinpreis bewegte sich fast ein Jahrzehnt nur seitwärts, pendelte sich bei über 800 US-Dollar je Feinunze ein und überschritt selten 1.200 US-Dollar je Feinunze. Erst seit Mai 2025 sehen wir einen deutlichen Preisanstieg. Einer der Gründe dafür ist die Situation in Südafrika, dem mit Abstand wichtigsten Förderland. In den letzten zehn Jahren wurden kaum neue Minen erschlossen, während die bestehenden Vorkommen erschöpft sind. Gleichzeitig stieg die Nachfrage nach neuen technologischen Anwendungen. Zusammen mit der aussergewöhnlichen Preisentwicklung bei Gold und Silber und der damit verbundenen allgemeinen Aufmerksamkeit für Edelmetalle hat dies den Markt weiterhin angeheizt.

Im Allgemeinen lässt die Nachfrage bei extrem hohen Preisen nach. Das beobachten wir bei Platin nun im Bereich der Schmuckindustrie, wo die Nachfrage nach Platinschmuck durch den höheren Preis zurückgegangen ist.

Die Nachfrage nach Palladium ist stark vom Automobilsektor abhängig. Welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus aktuell für den Palladiummarkt?

Palladium hängt stärker als jedes andere Edelmetall vom Automobilsektor ab. Die fortschreitende Elektrifizierung von Fahrzeugen wird im Laufe der Zeit zu einem Rückgang der Anzahl an Katalysatoren für Benzin- und Hybridfahrzeuge führen, wodurch der Bedarf an Palladium allmählich sinken wird. Da Palladium jedoch meist gemeinsam mit anderen Metallen gewonnen wird, rechnen Analysten damit, dass die Produktion relativ stabil bleiben wird. Zusammen mit dem Rückgang der Nachfrage wird dies letztendlich zu einem Preisrückgang führen.

Umicore spielt eine zentrale Rolle im Recycling von Edelmetallen. Wie stark kann Recycling zur Entspannung der Angebotslage beitragen – und wo liegen die Grenzen?

Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass wir in dieser Hinsicht einzigartig sind: Wir veredeln und recyceln 23 wertvolle kritische und seltene Metalle, die für eine Reihe von alltäglichen Anwendungen von entscheidender Bedeutung sind. Tatsächlich ist Edelmetallrecycling komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Entscheidend ist, dass überhaupt ausreichend Abfallmaterial, das diese Metalle enthält, gesammelt wird und an professionelle Veredler wie Umicore geliefert wird. Als weltweit führendes Unternehmen im Bereich Edelmetallrecycling können wir auf langfristige Partnerschaften mit unseren Kunden zählen.

Unsere Recyclingaktivitäten sind sehr kapitalintensiv und werden kontinuierlich genutzt, sodass es nicht möglich ist, kurzfristig einen Schalter umzulegen, um Nachfragespitzen abzufedern. Derzeit sind sowohl unsere Barrenproduktion als auch unsere Recyclinganlagen vollständig ausgelastet, was wir in der gesamten Branche beobachten. Mittel- bis langfristig spielt das Recycling jedoch eine wichtige stabilisierende Rolle, indem es die Anfälligkeit im Laufe der Zeit verringert und den Bergbau ergänzt.

Ist die Nachfrage nach Edelmetallen aktuell weltweit ähnlich hoch – oder sehen Sie deutliche Unterschiede zwischen Europa, den USA und Asien?

Die Nachfrage ist weltweit hoch. Besonders ausgeprägt ist sie aktuell in China und Indien. Das ist ein Trend, den wir als global agierendes Unternehmen deutlich spüren.

Trotz der Erfahrungen aus der Eurokrise und der Corona-Pandemie tut sich die Branche offenbar weiterhin schwer, extreme Nachfragespitzen kurzfristig abzufedern. Warum lassen sich solche Nachfrageexplosionen bei Edelmetallen nur begrenzt planen oder skalieren?

Edelmetalle sind wertvoll. Für Verarbeiter von Edelmetallen wie Umicore bedeutet das, dass eine Bevorratung teuer ist. Deshalb kann kein Produzent über viele Jahre hinweg grosse Lagerbestände halten. Aufgrund unserer Erfahrung sind wir daher Meister darin, was in anderen Industrien inzwischen als „just in time“ bezeichnet wird. Dazu halten wir Produktionskapazitäten vor, um auch dann schnell liefern zu können, wenn die Nachfrage über das normale Mass hinaus ansteigt. Solche extremen Nachfragesteigerungen, wie wir sie für unsere Gold- und Silberbarren im Moment erleben, stellen jedoch selbst uns vor Herausforderungen. Deshalb haben wir bei Umicore bereits vor Jahren die Produktion von Gold- und Silberbarren automatisiert und für einige Barrengrössen sogar eine zweite Linie installiert. Dies ermöglicht uns mehr Flexibilität, sodass wir in Extremsituationen schneller reagieren können.

Bildquelle: pro aurum


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