Chancen und Risiken sind an den Finanzmärkten ein ständiger Begleiter. Letztere sollten Geldanleger stets im Auge behalten. Nachfolgend erfahren Sie, welche Werkzeuge bzw. Kennzahlen dabei helfen können.

Beim Investieren gilt: Jede Chance birgt ein Risiko

Wer sein Geldvermögen nicht der schleichenden Entwertung durch Inflation überlassen möchte, kommt am Investieren kaum vorbei. Nur wer sein Kapital so anlegt, dass die erzielte Rendite die Inflationsrate übersteigt, kann langfristig positive Realrenditen erzielen und echten Vermögenszuwachs generieren. Doch mit jeder Investition gehen zwangsläufig Risiken einher – und das Verständnis dieser Risiken ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für erfolgreiches Anlegen. Wer Risiken nicht kennt, kann sie weder messen noch steuern. Gut zu wissen: Es gibt eine Reihe bewährter Kennzahlen und Konzepte, die bei der Geldanlage dabei helfen, das Risikoprofil eines Investments besser einzuschätzen. Die folgenden Risikobarometer gehören zum Standardrepertoire der modernen Portfoliotheorie und der professionellen Kapitalanlage – und lassen sich auch ohne tiefes mathematisches Vorwissen verstehen.

1. Volatilität – das Schwankungsmass schlechthin

Die Volatilität ist wohl die bekannteste Risikokennzahl überhaupt. Sie misst, wie stark der Kurs eines Wertpapiers oder eines Portfolios innerhalb eines bestimmten Zeitraums um seinen Mittelwert schwankt. Eine hohe Volatilität bedeutet, dass die Kurse stark ausschlagen – nach oben wie nach unten. Eine niedrige Volatilität steht für ruhige, kontinuierlichere Kursentwicklungen.
Dabei unterscheiden Fachleute zwischen der historischen und der erwarteten (impliziten) Volatilität. Die historische Volatilität wird auf Basis vergangener Kursdaten berechnet und zeigt, wie stark ein Wertpapier tatsächlich geschwankt hat. Die implizite Volatilität hingegen ist zukunftsorientiert: Sie wird aus den Preisen von Optionen abgeleitet und spiegelt wider, wie stark der Markt künftige Schwankungen einschätzt. Ein bekanntes Beispiel ist der CBOE Volatility Index (VIX), der die erwartete Volatilität des US-amerikanischen Aktienindex S&P 500 abbildet und häufig als Angstbarometer der Märkte bezeichnet wird. Für Anleger ist es wichtig zu wissen, dass hohe Volatilität zwar Chancen bietet, aber auch das Risiko erheblicher Verluste erhöht – besonders dann, wenn man kurzfristig auf das investierte Kapital angewiesen ist.

2. Korrelation – wie Anlagen aufeinander reagieren

Die Korrelation beschreibt, wie stark sich zwei Anlagen im Gleichschritt bewegen. Der Korrelationskoeffizient liegt dabei stets zwischen minus 1 und plus 1. Ein Wert nahe plus 1 bedeutet, dass sich beide Anlagen nahezu identisch verhalten – steigt die eine, steigt auch die andere. Ein Wert nahe minus 1 bedeutet indes das genaue Gegenteil: Wenn eine Anlage fällt, steigt die andere. Ein Wert um 0 zeigt an, dass kein systematischer Zusammenhang zwischen den Kursbewegungen besteht.

Für die Portfolio-Konstruktion ist die Korrelation von zentraler Bedeutung: Je geringer die Korrelation zwischen den einzelnen Bausteinen eines Portfolios, desto stärker lässt sich das Gesamtrisiko durch Diversifikation reduzieren – ohne zwingend auf Rendite verzichten zu müssen. Klassisches Beispiel ist die Beziehung zwischen Aktien und Anleihen, die historisch oft negativ korreliert waren. Wichtig zu wissen: Korrelationen sind nicht stabil. In Krisenzeiten tendieren viele Anlageklassen dazu, plötzlich stärker im Gleichschritt zu fallen – ausgerechnet dann, wenn Diversifikation am meisten gebraucht wird.

3. Drawdown – wie tief kann es gehen?

Der Drawdown misst den maximalen Wertverlust eines Investments vom höchsten zum tiefsten Punkt innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Der sogenannte Maximum Drawdown gibt also an, wie viel Anleger im schlimmsten Fall verloren hätten, wenn sie zum ungünstigsten Zeitpunkt ein- und ausgestiegen wären. Diese Kennzahl ist besonders wertvoll, weil sie die emotionale Belastbarkeit testet: Wer einen Drawdown von 50 Prozent erlebt – wie etwa während der Finanzkrise 2008 oder dem Corona-Crash 2020 – braucht anschliessend eine Rendite von 100 Prozent, um wieder auf den ursprünglichen Stand zu kommen. Der Drawdown zeigt eindrücklich, dass es nicht nur auf die Durchschnittsrendite ankommt, sondern auch auf die Reihenfolge und Tiefe der Verlustphasen – insbesondere bei laufenden Entnahmen aus dem Portfolio.

4. Sharpe-Ratio – Rendite im Verhältnis zum Risiko

Die von William F. Sharpe entwickelte Sharpe-Ratio setzt die erzielte Überrendite eines Investments – also den Ertrag über dem risikofreien Zinssatz hinaus – ins Verhältnis zur Volatilität. Je höher die Sharpe-Ratio, desto besser wurde der Anleger für das eingegangene Risiko entlohnt. Eine Sharpe-Ratio von 1,0 gilt als gut, ab 2,0 als sehr gut. Liegt sie unter 1,0, hat das Investment im Verhältnis zu seinen Schwankungen vergleichsweise wenig Rendite geliefert.
Diese Kennzahl hilft dabei, verschiedene Fonds oder Strategien auf einer gemeinsamen Basis zu vergleichen – unabhängig davon, ob sie hohe oder niedrige absolute Renditen erzielt haben. Ein wichtiger Vorbehalt: Die Sharpe-Ratio berücksichtigt nur die Gesamtvolatilität, also sowohl Aufwärts- als auch Abwärtsschwankungen. Da Anleger vor allem negative Schwankungen scheuen, wurde die Sortino-Ratio als Ergänzung entwickelt, die ausschliesslich die Downside-Volatilität berücksichtigt.

5. Beta – der Marktrisiko-Sensor

Der Beta-Faktor misst, wie stark sich ein Wertpapier im Verhältnis zu einem Referenzindex bewegt. Ein Beta von 1,0 bedeutet, dass sich das Wertpapier im Gleichschritt mit dem Markt bewegt. Ein Beta von 1,5 signalisiert, dass das Papier im Schnitt 50 Prozent stärker ausschlägt als der Index – in beide Richtungen. Ein Beta unter 1,0 weist auf eine gedämpftere Reaktion hin, was in turbulenten Phasen stabilisierend wirken kann.
In der modernen Portfoliotheorie, wie sie von Harry Markowitz und später im Capital Asset Pricing Model (CAPM) formalisiert wurde, gilt das Beta als Mass für das sogenannte systematische Risiko – also jenes Risiko, das sich auch durch Diversifikation nicht vollständig eliminieren lässt. Anleger, die in Stressphasen ruhig schlafen möchten, tendieren zu Wertpapieren oder Fonds mit niedrigem Beta, etwa Konsumgüterkonzerne oder Versorger. Wachstumsorientierte Investoren nehmen ein höheres Beta bewusst in Kauf.

6. Value at Risk – Verlustpotenzial auf einen Blick

Der Value at Risk (VaR) ist eine häufig verwendete Risikokennzahl im professionellen Risikomanagement. Er beantwortet die Frage: Welchen Verlust kann ein Portfolio mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit innerhalb eines definierten Zeitraums maximal erwarten? Typischerweise wird ein Konfidenzniveau von 95 oder 99 Prozent verwendet. Ein 95-prozentiger VaR von 10.000 Euro für eine Woche bedeutet beispielsweise, dass das Portfolio in 95 von 100 Wochen nicht mehr als diesen Betrag verliert – in den verbleibenden fünf Prozent der Fälle kann der Verlust jedoch höher ausfallen.
Der VaR ist ein weit verbreitetes Instrument in Banken, Versicherungen und bei institutionellen Investoren – auch weil regulatorische Vorschriften wie Basel III und Solvency II auf ihn zurückgreifen. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass der VaR keine Aussage darüber macht, wie hoch die Verluste in den Extremfällen tatsächlich sind – also jenseits der Wahrscheinlichkeitsgrenze.

7. Downside Risk – nur die schlechten Schwankungen zählen

Das Downside Risk (Abwärtsrisiko) konzentriert sich ausschliesslich auf den Teil der Schwankungen, der für Anleger tatsächlich schmerzhaft ist: die negativen Kursausschläge. Im Gegensatz zur Gesamtvolatilität, die sowohl positive als auch negative Abweichungen vom Mittelwert misst, interessiert sich das Downside Risk nur dafür, wie häufig und wie stark das Portfolio unter eine bestimmte Mindestrendite oder unter null fällt.
Für viele Privatanleger ist das Downside Risk die intuitivere und relevantere Kennzahl: Niemand beschwert sich darüber, dass sein Portfolio stärker als erwartet gestiegen ist. Im Grunde genommen liefert das Downside Risk ein realistischeres Bild des tatsächlichen Verlustrisikos als die klassische Volatilität.

8. Kontrahentenrisiko – wenn der Geschäftspartner ausfällt

Das Kontrahentenrisiko (Gegenparteirisiko) bezeichnet die Gefahr, dass die andere Seite eines Finanzvertrags ihren Verpflichtungen nicht nachkommen kann. Dieses Risiko spielt bei Derivaten, Swaps, strukturierten Produkten und bestimmten ETF-Strukturen eine wichtige Rolle. So tragen swap-basierte ETFs (oder ETCs und ETNs) ein gewisses Kontrahentenrisiko gegenüber dem Swap-Partner, in der Regel einer Investmentbank. Regulatorische Vorgaben begrenzen dieses Risiko in der Europäischen Union auf maximal zehn Prozent des Fondsvermögens.

Eindrücklich wurde das Kontrahentenrisiko während der globalen Finanzkrise 2008 spürbar, als das Scheitern von Lehman Brothers eine ganze Kette von Ausfällen auslöste, die viele Anleger unvorbereitet traf. Auch bei Anleihen spielt das Kontrahentenrisiko eine zentrale Rolle: Ratingagenturen wie Moody’s, S&P und Fitch bewerten die Kreditwürdigkeit von Emittenten, um das Ausfallrisiko einschätzbar zu machen, liefern aber nur eine Momentaufnahme und haben in der Vergangenheit Bonitäten häufig zu spät herabgestuft. Anleger sollten daher stets prüfen, mit wem sie es bei einem Investment zu tun haben – nicht nur, was das Produkt verspricht.

Risk Management: unverzichtbar für jeden Anleger

Die vorgestellten Kennzahlen sind keine abstrakten akademischen Konzepte – sie sind praktische Werkzeuge, die dabei helfen, Investments realistisch einzuschätzen und ein Portfolio bewusst zu gestalten. Wer sich nur auf die Rendite konzentriert und das Risiko ausblendet, handelt wie ein Autofahrer, der zwar aufs Gaspedal tritt, aber den Tacho ignoriert.

Vor jeder Anlageentscheidung sollten Anleger deshalb ehrlich mit sich selbst sein: Wie viel Verlust kann ich emotional und finanziell verkraften? Wie lange kann ich auf das investierte Kapital verzichten? Wie reagiere ich, wenn das Portfolio 30 oder 40 Prozent seines Wertes verliert? Die Antworten auf diese Fragen bestimmen das individuelle Risikoprofil – und das sollte mit dem tatsächlichen Risiko des gewählten Investments übereinstimmen.

Darüber hinaus ist professionelles Risk Management kein einmaliger Akt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Marktbedingungen ändern sich, Korrelationen verschieben sich, und die persönliche Lebenssituation entwickelt sich weiter. Wer sein Portfolio regelmässig überprüft, neu gewichtet und die relevanten Risikokennzahlen im Blick behält, legt den Grundstein für eine nachhaltige und planvolle Vermögensstrategie – jenseits kurzfristiger Euphorie oder Panik.


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