Die drei grossen Weissmetalle haben zum Jahresstart ein aussergewöhnlich wildes Marktumfeld erlebt. Nach einer fulminanten Rally bis Ende Januar kam es zu abrupten und teils schockartigen Einbrüchen, die selbst erfahrene Marktteilnehmer überraschten.
Silber übertrifft Jahresultimo 2025 deutlich
Dennoch zeigt sich bei genauerer Betrachtung: Hinter den extremen Ausschlägen verbirgt sich kein zusammengebrochener Markt, sondern vielmehr eine überhitzte Phase, die „brutal“ bereinigt wurde – mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen für Silber, Platin und Palladium.
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung von Silber. Trotz massiver Turbulenzen weist das Edelmetall seit Ende 2025 ein Plus von 19 Prozent auf und hat sich damit unter den drei Weissmetallen bislang am besten geschlagen. Die Preisbewegungen waren allerdings spektakulär: Vom Januar-Hoch stürzte Silber in der Spitze um 44 Prozent ab – ein Rückgang, wie man ihn sonst eher bei Kryptowährungen als bei Edelmetallen erwarten würde. Platin und Palladium erging es kaum besser. Platin verlor zeitweise 34 Prozent gegenüber seinem Januar-Spitzenwert, während Palladium in der Spitze bis zu 28 Prozent nachgab. Diese synchronen Abstürze deuten darauf hin, dass weniger fundamentale Faktoren als das Marktsentiment und gehebelte Wetten auf steigende Preise ausschlaggebend waren.
Ein zentraler Auslöser der Verkaufswelle waren die Mitte Januar und Anfang Februar verkündeten drastischen Margin-Erhöhungen der CME Group. Die Terminbörse hob die Sicherheitsleistungen für Futures-Kontrakte sowohl für Gold als auch für Silber, Platin und Palladium deutlich an – besonders stark bei den Weissmetallen. Viele spekulative Marktteilnehmer mussten daraufhin ihre Positionen zwangsweise glattstellen oder verkleinern, was den Verkaufsdruck zusätzlich erhöht hat. In der Folge brach die Anzahl offener Kontrakte – der sogenannte Open Interest – bei allen drei Metallen deutlich ein. Der Markt wurde regelrecht „ausgewaschen“.
Weissmetalle waren charttechnisch überkauft
Auch aus charttechnischer Sicht war die Korrektur überfällig. Alle drei Weissmetalle hatten vor dem Einbruch beim Timingindikator Relative-Stärke-Index (RSI) einen Wert von über 70 Prozent erreicht – ein klassisches Signal für eine überkaufte Lage. Solche Extremwerte enden häufig in scharfen Rücksetzern, da der Markt schlicht zu viele Käufer und kaum noch Verkäufer findet.
Trotz der heftigen Schwankungen bleibt das Bild gemischt. Silber konnte sich nach dem Absturz am schnellsten erholen, gestützt durch seine Doppelrolle als monetäres Krisenmetall und seine grosse Bedeutung in wichtigen Industrien. Platin und Palladium leiden hingegen unter den ungewissen Geschäftsperspektiven der Autoindustrie. Ausserdem gelten beide Märkte als relativ illiquide, was sich durch das Erhöhen der Margin-Anforderungen in Zukunft noch stärker bemerkbar machen dürfte. Zudem hängt sowohl bei Platin als auch bei Palladium das Angebot sehr stark von wenigen Förderländern ab, die politisch und wirtschaftlich als nicht sonderlich verlässlich gelten. Insbesondere Südafrika und Russland spielen eine zentrale Rolle bei der Primärproduktion, sind jedoch immer wieder von Energiekrisen, Streiks, geopolitischen Spannungen oder Sanktionen betroffen. Diese Angebotsrisiken könnten jederzeit erneut zu plötzlichen Verwerfungen am Markt führen.
Was auf lange Sicht für Weissmetalle spricht
In den USA werden die drei Weissmetalle als kritische Mineralien eingestuft, weil sie für Industrie, Technologie und nationale Sicherheit als unverzichtbar gelten und zugleich hohen Risiken entlang der Lieferketten ausgesetzt sind. Silber wurde im November 2025 offiziell in die Liste kritischer Mineralien aufgenommen, auf der sich Platin und Palladium bereits seit Längerem befanden. Alle drei sind extrem wichtig für moderne Fertigungstechnologien in wichtigen Zukunftsbranchen und für die Verteidigungsindustrie.
Diese Klassifizierung hat weitreichende Folgen. Staaten und Unternehmen richten ihre strategischen Rohstoff-Programme neu aus, bemühen sich um Versorgungssicherheit und prüfen verstärkt Import-Diversifizierungen. Gleichzeitig erhöht eine kritische Einstufung die Wahrscheinlichkeit staatlicher Unterstützung für Exploration, Förderung und Verarbeitung, etwa durch finanzielle Anreize oder Zollmassnahmen.
China spielt in diesem globalen Marktsegment eine doppelte Rolle. Das Reich der Mitte betrachtet Silber ebenfalls als strategisch wichtiges Metall und hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich Massnahmen ergriffen, um seinen Einfluss auf globale Supply Chains zu sichern. China hat seit 2023 mehrfach die Kontrolle über strategisch wichtige Mineralien verschärft, indem es neue Materialien auf Exportkontrolllisten setzte und damit potenzielle Lieferungen an ausländische Abnehmer an Genehmigungen knüpfte.
Angebotsknappheit mitunter problematisch
Ein strukturelles Problem wird dabei immer offensichtlicher: Über Jahrzehnte hinweg wurden kaum nennenswerte zusätzliche Förderkapazitäten für Silber, Platin und Palladium aufgebaut. Die traditionelle Konzentration der Produktion von Platin und Palladium in Regionen wie Südafrika und Russland zieht hohe Angebotsrisiken nach sich, die sich nun rächen. Angebotsschwächen treffen zudem auf eine steigende Nachfrage aus Branchen wie Photovoltaik, Chipproduktion, Elektronik, Emissionskontrolle und Wasserstoffwirtschaft, die ohne diese Metalle kaum denkbar wären.
Wenn die Nachfrage das Angebot übertrifft, führen klassische Marktmechanismen normalerweise zu Knappheiten und somit zu steigenden Preisen. Die Einstufung als kritisch und die geopolitische Neuorientierung könnten diese Entwicklung weiter beschleunigen, indem sie Investitionen in neue Förderprojekte und Recyclingkapazitäten attraktiver machen.
Ungeachtet aller Unsicherheiten sollten Investoren stets im Hinterkopf behalten, dass hohe Volatilitäten aber nicht nur Risiken signalisieren, sondern auch überdurchschnittliche Chancen eröffnen. Die finanzmathematische Kennzahl Volatilität misst nämlich die Intensität der Kursschwankungen und trifft keine Aussage über die Richtung der Preise.
Jeff Currie, derzeit Carlyle-Partner und einstiger Top-Rohstoffanalyst bei Goldman Sachs, machte in einem Podcast mit der Nachrichtenagentur Bloomberg keinen Hehl daraus, dass er im Rohstoffsektor einen Superzyklus erwartet, der noch viele Jahre andauern wird – eine Perspektive, die gerade bei kritischen Metallen wie Silber, Platin und Palladium zunehmend an Gewicht gewinnen könnte. Kurzfristig dürfte die Volatilität allerdings hoch bleiben, da sich der Markt aktuell neu sortiert. Wichtig zu wissen: Weissmetalle sind keine trägen Anlageklassen, sondern hochdynamische Märkte, in denen Stimmungen, Terminkontrakte und Liquidität oft zu erratischen Kursentwicklungen führen können.
Bildnachweis: tapong117
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Bildquelle: stock.adobe.com
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