Seit über 30 Jahren analysiert Martin Siegel den Goldmarkt. Im Interview erklärt er, warum klassische Krisenmuster oft nicht greifen, welche Rolle Zentralbanken spielen – und warum Gold kurzfristig vor allem von erhöhter Volatilität geprägt sein dürfte.

Herr Siegel, sie beschäftigen sich seit Langem mit Marktzyklen. Gibt es aus Ihrer Sicht typische Phasen, in denen Edelmetalle besonders gut oder besonders schlecht laufen und in welcher Phase befinden wir uns aktuell?

Ich habe zahlreiche Zyklen analysiert – Zinszyklen, Finanzkrisen, politische Spannungen und kriegerische Auseinandersetzungen – und sie mit der Entwicklung des Goldpreises verglichen. Ein konsistentes, verlässliches Muster lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.

Im Gegenteil: Vergleicht man die Phase von 1980 bis 2000 – in der der Goldpreis über zwei Jahrzehnte gefallen ist – mit den 20 Boomjahren danach, zeigt sich ein erstaunlich ähnliches Umfeld. Die Anzahl an Kriegen, Zinszyklen und Bankenkrisen war in beiden Zeiträumen vergleichbar – der Goldpreis entwickelte sich trotzdem völlig unterschiedlich.

Ein klarer zyklischer Zusammenhang ist daher kaum erkennbar. Entscheidend ist vielmehr das Verhalten der Zentralbanken: Zwischen 1980 und 2000 traten sie überwiegend als Verkäufer auf, seit der Jahrtausendwende hingegen als Nettokäufer – zuletzt mit deutlich steigenden Beständen, etwa durch die People’s Bank of China. Zusammen mit der Nachfrage von Investoren ist das ein zentraler Treiber des Goldpreises.

Gold gehört bisher nicht zu den Gewinnern des Iran-Kriegs. Der Preis für das Edelmetall ist seit Anfang März deutlich gefallen. Wie steht es um seine Funktion als Krisenmetall?

An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, ob Gold überhaupt ein Krisenmetall ist. Man muss sich einmal ganz konkret in die Situation hineinversetzen: Sie besitzen Gold und geraten in eine Krise. Was passiert dann? Kaufen Sie zusätzlich Gold – oder sind Sie möglicherweise gezwungen, es zu verkaufen? Wie verhält sich ein Anleger, der in einer Krise Verluste in anderen Anlageklassen erleidet oder dessen Unternehmen Umsatzeinbussen verkraften muss? Ist er in dieser Situation ein Käufer – oder eher ein Verkäufer von Gold? Ein Blick auf die Historie zeigt: In vielen Fällen steigt der Goldpreis unmittelbar nach Ausbruch einer akuten Krise kurzfristig an – oft nur für wenige Tage. Bereits zwei bis drei Wochen später notiert er nicht selten wieder unter dem Niveau von vor der Krise. Daraus lässt sich ableiten: Gold ist weniger ein Investment für die akute Krise, sondern vielmehr für die Zeit davor und danach.

Sie beschreiben Gold gerne als eine Anlageklasse des Wohlstands.

Ja, das sehe ich so. Zwischen 2000 und heute haben wir ein starkes globales Wirtschaftswachstum und einen erheblichen Wohlstandsgewinn erlebt – insbesondere in China und Indien. Dieser Wohlstandszuwachs führte dazu, dass die Bevölkerung deutlich mehr Gold nachgefragt hat. Gold wird typischerweise dann gekauft, wenn Menschen über steigende Einkommen und freie Liquidität verfügen. In Krisenzeiten hingegen sind viele eher gezwungen, Gold zu verkaufen.

Parallel dazu spielt die Geldpolitik eine entscheidende Rolle. Wenn Zentralbanken eine glaubwürdige Geldpolitik betreiben – mit stabilen Währungen, moderater Inflation und solidem Wachstum –, ist die Nachfrage nach Gold meist gering. Denn Gold wirft keine laufenden Erträge ab, während andere Anlageklassen in einem stabilen Umfeld attraktiver sind.

Kippt jedoch das Vertrauen in die Geldpolitik, dreht sich das Bild. Steigende Staatsverschuldung, expansive Massnahmen und eine wachsende Geldmenge – wie aktuell in vielen grossen Volkswirtschaften – setzen das Papiergeld unter Druck.

Und genau in solchen Phasen gewinnt Gold an Bedeutung: als Absicherung gegen Kaufkraftverlust und als alternative Form der Wertaufbewahrung.

Wir haben in den vergangenen Wochen starke Korrekturen bei Gold gesehen. Und zuletzt wieder eine leichte Erholung. Wie schätzen Sie diese Entwicklungen ein?

Ich persönlich gehe nicht davon aus, dass wir uns noch in einem klassischen Aufwärtstrend befinden. Vielmehr spricht einiges dafür, dass ein Abwärtstrend eingesetzt hat. Die Entwicklung der vergangenen Wochen werte ich eher als Vorboten weiterer Rücksetzer.

Der zentrale Punkt ist das aktuell sehr hohe Bewertungsniveau: Die Kaufkraft von Gold liegt deutlich über dem langfristigen Durchschnitt. Vor diesem Hintergrund sind Gewinnmitnahmen nicht nur nachvollziehbar, sondern auch fundamental begründbar.

Gleichzeitig bedeutet diese Einschätzung keine grundsätzliche Absage an Gold. Im Gegenteil: Die strukturellen Treiber – etwa hohe Staatsverschuldung und die Rolle von Gold als Wertspeicher – bleiben intakt.

Kurz- bis mittelfristig überwiegt für mich das Risiko weiterer Korrekturen – langfristig bleiben die starken fundamentalen Argumente für Gold jedoch bestehen.

Die lockere Zentralbankpolitik wird langfristig dafür sorgen, dass der Basistrend bestehen bleibt – mit steigenden Goldpreisen, steigenden Silberpreisen, aber auch steigenden Preisen bei allen anderen Sachwerten.

Das ist letztlich nur folgerichtig: In einem Umfeld dauerhaft lockerer Geldpolitik führt kaum ein Weg an Sachwerten vorbei. Dieser übergeordnete Trend bleibt damit intakt.

Wo liegt für Sie derzeit also ein fairer Goldpreis?

Wenn man die Kaufkraft betrachtet, würde ich aktuell einen fairen Goldpreis eher im Bereich von etwa 3.000 bis 3.500 Dollar pro Unze verorten. Dieser faire Wert dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen – möglicherweise sogar überproportional –, weil die Zentralbankpolitik kaum restriktiver werden kann, sondern eher noch lockerer werden muss, um die bestehenden Schuldenstrukturen und Haushaltsdefizite weiter finanzieren zu können.

Gleichzeitig bedeutet das aber auch: Von einem fairen Goldpreis sind wir zuletzt deutlich nach oben abgewichen. Bei Goldpreisen von über 5.000 Dollar ist ein Bewertungsniveau erreicht, das jetzt Raum für eine spürbare Korrektur lässt.

Wo diese Korrektur letztlich endet, lässt sich nicht seriös vorhersagen – das weiss niemand. Ich halte es jedoch für gut möglich, dass diese Phase länger anhält. Wenn wir von einem mittel- bis längerfristigen Zeithorizont sprechen, würde ich eher von 12 bis 18 Monaten ausgehen, bis sich ein tragfähiger Boden ausbildet oder der Markt wieder in Richtung des übergeordneten Trends dreht.

Neben Gold stand auch Silber im Fokus vieler Investoren. Welche Rolle sollte dieses sogenannte Weissmetall Ihrer Meinung nach in einem Edelmetallportfolio spielen?

Silber ist grundsätzlich zu einem grossen Teil mit Gold korreliert. Im letzten Zyklus hat sich das etwas relativiert, weil Gold zunächst deutlich vorangegangen ist. Der Hauptgrund dafür war, dass die Zentralbanken ausschließlich Gold gekauft haben und kein Silber. Erst später sind dann auch die Anleger auf den steigenden Silberpreis aufgesprungen.

Anleger gewichten Gold und Silber meist in einem relativ stabilen Verhältnis – etwa 70 zu 30 oder 75 zu 25. Das ist auch in der Praxis gut zu beobachten. Der entscheidende Unterschied ist jedoch die Marktgrösse. Der Silbermarkt ist im Vergleich zu Gold deutlich kleiner, etwa im Verhältnis 1 zu 10. Das führt dazu, dass der Markt bei Silber schneller „eng“ wird. Steigt die Nachfrage, entsteht ein Flaschenhals – und dadurch kann der Silberpreis sehr dynamisch anziehen, wie wir es in der Vergangenheit gesehen haben. Lässt das Interesse nach, kehrt sich dieser Effekt um: Dann fällt der Silberpreis in der Regel auch schneller und stärker als Gold, weil schlicht weniger Käufer im Markt sind.

Platin halte ich grundsätzlich für eine sinnvolle Ergänzung zu Gold und Silber. Zwar wurde Platin in den vergangenen Monaten vom Goldpreisanstieg mit nach oben gezogen und korrigert aktuell parallel wieder, dennoch sehe ich langfristig ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis im Vergleich zu Gold.

Viele Privatanleger fragen sich, welchen Anteil Edelmetalle im Portfolio haben sollten. Haben Sie dafür eine grundsätzliche Orientierung – auch in Bezug auf eine empfehlenswerte Edelmetallquote?

Viele klassische Empfehlungen liegen im Bereich von etwa 5 bis 15 Prozent, weil Gold vor allem als Diversifikator und Risikopuffer eingesetzt wird. Gleichzeitig zeigen neuere Einschätzungen, dass in einem Umfeld steigender Verschuldung und strukturell lockerer Geldpolitik auch höhere Allokationen sinnvoll sein können.

Gerade vor dem Hintergrund, dass traditionelle Diversifikation – etwa über Anleihen – nicht mehr in allen Marktphasen zuverlässig funktioniert, gewinnt Gold meines Erachtens als stabilisierender Baustein zusätzlich an Bedeutung. Vor diesem Hintergrund ist ein Anteil von rund 20 Prozent keine Übergewichtung, sondern eine bewusste strategische Entscheidung zur Absicherung und Stabilisierung des Gesamtportfolios.

Welche Fehler beobachten Sie bei privaten Investoren im Edelmetallbereich besonders häufig?

Die klassischen Fehler im Anlagebereich wiederholen sich immer wieder: Anleger warten zunächst zu lange ab – und steigen dann ausgerechnet dann ein, wenn der Trend bereits weit fortgeschritten ist.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es immer wieder Phasen gab, in denen sich attraktive Einstiegsmöglichkeiten geboten haben und Gold vergleichsweise günstig erworben werden konnte – etwa 1999, 2001 und 2006 sowie in späteren Korrekturphasen wie 2016 oder 2018.

Der entscheidende Punkt ist dabei: Gute Einstiegsgelegenheiten entstehen nicht in Phasen grosser Euphorie, sondern dann, wenn das Interesse nachlässt, die mediale Aufmerksamkeit abnimmt und die Preise bereits korrigiert haben. Genau in diesen Momenten bietet sich die Chance, antizyklisch zu agieren.

Würden Sie eher physisches Gold bevorzugen oder sehen Sie auch Formen von Papiergold als sinnvoll an?

Ich bin klar der Meinung, dass man Gold physisch besitzen sollte. Der entscheidende Punkt ist der Zugriff: Eine Goldmünze bleibt ein realer Vermögenswert, den man im Zweifel auch tatsächlich nutzen kann. Bei Papiergold ist das anders. Im Extremfall kann der Zugriff eingeschränkt sein oder der Wert sogar komplett verloren gehen.

Das hat man bei der Insolvenz von Lehman Brothers gesehen: Zertifikate mit Goldbezug waren plötzlich wertlos, während physisches Gold seinen Wert behalten und vermehrt hat.

Deshalb gilt für mich: Papiergold ist keine strategische Absicherung. Allenfalls bei Silber oder Platin kann es kurzfristig sinnvoll sein, um Marktbewegungen mitzunehmen und Kosten zu sparen – aber immer mit dem Bewusstsein, dass solche Produkte im Ernstfall wertlos werden können.

Bildquelle: Stabilitas/Martin Siegel


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