Rohstoffe sind das Fundament der modernen Wirtschaft. Ohne Öl keine Mobilität, ohne Kupfer keine Elektrizität, ohne Weizen keine Ernährung. Wer als Privatanleger sein Portfolio über Aktien und Anleihen hinaus diversifizieren möchte, stösst früher oder später auf die Anlageklasse Rohstoffe – und trifft dabei auf eine faszinierende, aber anspruchsvolle Welt.

Die facettenreiche Welt der Rohstoffe

Rohstoffe lassen sich in mehrere grosse Kategorien einteilen. Energierohstoffe wie Rohöl (in den Sorten Brent oder WTI), Erdgas, Benzin und Heizöl bilden das mengenmässig und wirtschaftlich bedeutsamste Segment. Industriemetalle wie Kupfer, Aluminium, Zink und Nickel sind eng mit der globalen Industrieproduktion verknüpft, wobei Kupfer als besonders verlässlicher Konjunkturindikator gilt. Agrarrohstoffe umfassen Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais und Soja sowie sogenannte Soft Commodities wie Kaffee, Kakao und Baumwolle. Eine besondere Stellung nehmen Seltene Erden und Spezialmetalle wie Lithium, Kobalt und Mangan ein – zentrale Bausteine von Batterien, Elektromotoren und Halbleitern und damit unentbehrlich für Energiewende und Digitalisierung. Hinzu kommen Nischenmärkte wie Holz (Timber), Uran oder Kali (als Düngemittel).

Diese Vielfalt macht Rohstoffe zu einer heterogenen Anlageklasse: Die Preistreiber von Erdgas unterscheiden sich grundlegend von denen von Weizen oder Lithium. Wer in Rohstoffe investiert, muss diese Unterschiede kennen.

Besonderheiten der Anlageklasse Rohstoffe

Zyklizität und Konjunktursensitivität: Viele Rohstoffe reagieren ausgesprochen empfindlich auf wirtschaftliche Auf- und Abschwünge. In Expansionsphasen steigt die Nachfrage nach Energie, Metallen und Materialien stark an, während sie in Rezessionen regelrecht einbrechen kann. Industriemetalle folgen diesem Muster besonders ausgeprägt, weil sie direkt in der Industrie- und Bauproduktion eingesetzt werden. Diese Zyklizität ist für Anleger zweischneidig: In Aufschwungphasen können Rohstoffinvestments attraktive Renditen liefern und in Abschwungphasen drohen erhebliche Verluste.

Korrelation, Volatilität und Diversifikation: Einer der häufig genannten Vorteile von Rohstoffen ist ihre vergleichsweise niedrige Korrelation mit Aktien und Anleihen. In bestimmten Phasen – etwa bei stark steigender Inflation oder geopolitischen Krisen – können Rohstoffpreise steigen, während andere Anlageklassen fallen. Allerdings ist diese geringe Korrelation nicht stabil: In schweren Finanzkrisen, wie 2008 oder beim Corona-Crash 2020, fielen nahezu alle Anlageklassen gleichzeitig. Die Diversifikationswirkung von Rohstoffen sollte daher nicht überschätzt werden. Rohstoffpreise unterliegen zudem erheblichen Schwankungen. Einzelne Rohstoffe wie Erdgas oder Rohöl können innerhalb eines Jahres um 50 Prozent oder mehr schwanken. Auch ein diversifiziertes Rohstoff-Portfolio kann damit deutlich volatiler sein als ein breit gestreutes Aktienportfolio.

Förderung, Lagerbestände und Förderkosten: Auf der Angebotsseite sind Förderkosten ein entscheidender Faktor: Sie bestimmen, ab welchem Preisniveau neue Minen oder Förderanlagen wirtschaftlich rentabel werden. Steigende Förderkosten durch tiefere Abbaustätten, härtere Umweltauflagen oder höhere Energiepreise erhöhen den langfristigen Gleichgewichtspreis. Kurzfristig können Lagerbestände preisdämpfend wirken: Hohe Vorräte signalisieren Überangebot und drücken die Preise; niedrige Bestände deuten hingegen auf Knappheit hin und treiben sie nach oben. Die Lagerbestandsdaten der London Metal Exchange (LME) oder der Chicago Mercantile Exchange (CME) oder anderer wichtiger Handelsplätze sollten daher stets beobachtet werden.

Geopolitische Risiken: Rohstoffe sind räumlich hochkonzentriert: Ein Grossteil des weltweiten Kobaltangebots stammt aus dem Kongo, Lithium vorwiegend aus dem Lithiumdreieck in Südamerika, erhebliche Teile des Erdgases aus Russland und dem Persischen Golf. Diese Konzentration schafft erhebliche geopolitische Risiken. Konflikte, Exportverbote oder Sanktionen können Versorgungsengpässe auslösen und Preise schlagartig bewegen – besonders sichtbar beim russischen Überfall auf die Ukraine 2022 oder dem 2026 ausgebrochenen Irankrieg, der zu einem dramatischen Anstieg der weltweiten Energiepreise und einer reduzierten Versorgungssicherheit führte.

Wetter, Saisonalität und die Rolle Chinas und Indiens: Agrarrohstoffe unterliegen stark saisonalen Mustern und Wetterschocks (Dürren, Überschwemmungen, Frost usw.). Ausserdem können Naturkatastrophen wie Stürme, Erdrutsche oder Erdbeben das Angebot aller Rohstoffe massiv beeinträchtigen. Auch Energiemärkte kennen Saisonalität: Erdgaspreise steigen tendenziell im Winter durch erhöhten Heizbedarf. Wichtig: China spielt in vielen Rohstoffsegmenten eine wichtige Rolle – sowohl bei der Nachfrage als auch beim Angebot. Konjunkturelle Auf- oder Abschwünge können sich in entsprechenden Preisreaktionen niederschlagen. Indien gewinnt ebenfalls zunehmend an Bedeutung – besonders für Agrarrohstoffe und Stahl. Anleger sollten deshalb die wirtschaftliche Entwicklung beider Länder als wesentlichen Nachfrageindikator stets im Blick behalten.

Papier- und physische Märkte im Vergleich

Futuresmärkte und Terminstruktur: Der überwiegende Teil des globalen Rohstoffhandels findet nicht physisch, sondern über Terminkontrakte (Futures) statt. Ein Future ist ein standardisierter Vertrag, der zur Lieferung oder Abnahme einer bestimmten Rohstoffmenge zu einem festgelegten Preis an einem künftigen Datum verpflichtet. Er kann als Absicherung gegen Preisschwankungen oder als kreditfinanzierte Spekulation auf steigende oder fallende Kurse genutzt werden. Diese Kontrakte werden an Terminbörsen (CME Group, ICE und LME) gehandelt.

Für Anleger besonders relevant ist das Open Interest, welche die Gesamtzahl der noch offenen Kontrakte anzeigt. Sie gibt Auskunft darüber, wie viel Kapital im Markt gebunden ist. Wichtig bei der Bewertung solcher Futures ist aber auch die sogenannte Terminstruktur. Contango liegt bspw. vor, wenn länger laufende Futures mehr kosten als der nächstfällige Kontrakt bzw. Spotpreis. Dies gilt als Normalzustand für viele Rohstoffe und ist auf Lager- und Finanzierungskosten zurückzuführen. Für Futures-Käufer ist Contango nachteilig: Bei längerfristigen Investments, müssen sie nämlich bei Fälligkeit stets in den teureren nächsten Kontrakt wechseln, wenn der alte ausläuft. Dadurch entsteht ein sogenannter Roll-Verlust. Backwardation beschreibt indes die umgekehrte Situation: Der Spotpreis liegt über dem Futures-Preis, weil Marktteilnehmer aktuelle Knappheit erwarten. Für Anleger, die Futures halten, ist Backwardation vorteilhaft. Diese Terminstruktur beeinflusst die tatsächliche Rendite von Rohstoff-Investments erheblich – und zwar unabhängig von der Entwicklung des Spotpreises.

Wer Futures direkt handelt, muss eine Sicherheitsmarge (Initial Margin) hinterlegen. Bewegt sich der Markt gegen die eigene Position, kann der Broker eine Nachschusspflicht (Margin Call) fordern. Im schlimmsten Fall kann der Verlust durch Zwangsliquidierungen die ursprünglich eingesetzte Summe weit übersteigen – ein schwerwiegendes Risiko, das Privatanleger möglichst ausschliessen sollten.

ETFs, ETCs und Margin Calls: Exchange Traded Funds (ETFs) und Exchange Traded Commodities (ETCs) ermöglichen Privatanlegern, an Rohstoffpreisen teilzuhaben, ohne direkt an Terminmärkten aktiv zu sein. Physisch hinterlegte ETCs halten den Rohstoff tatsächlich in zertifizierten Lagerhäusern, während swap-basierte oder futures-basierte ETCs den Preis lediglich über Derivate replizieren – hier entsteht neben den oben beschriebenen Roll-Verlusten ein zusätzliches Kontrahentenrisiko. Anleger sollten daher stets prüfen, welche Replikationsmethode ein Finanzprodukt verwendet.

Diversifiziert in Rohstoff-ETFs investizieren

Für Privatanleger bietet sich an, via ETFs in diversifizierte Rohstoffindizes zu investieren. Zahlreiche investierbare Rohstoffindizes stammen von Anbietern wie Bloomberg, Rogers International Commodity oder S&P GSCI, wenngleich sich besonders liquide und milliardenschwere ETFs häufig auf die Bloomberg-Indexfamilie beziehen. Einige Rohstoffindizes versuchen durch bestimmte Konstruktionen bzw. Vorgaben die Nachteile von Roll-Verlusten in Contangophasen zu kompensieren.

Wichtig: Fast alle breit gestreuten Rohstoff-ETFs in Europa investieren nicht physisch, sondern über Futures und Swaps. Dadurch entfällt zwar die direkte Lagerung der Rohstoffe, allerdings sind diese ETFs Terminmarkt- und Rollrisiken ausgesetzt und bergen bei Swap-Konstruktionen ein zusätzliches Kontrahentenrisiko.

Investitionsmöglichkeiten für Privatanleger

Physische Investments

Während Privatanleger Edelmetalle wie Gold, Silber, Platin oder Palladium in physischer Form erwerben können, sind Industriemetalle sowie Agrar- oder Energierohstoffe für Privatanleger praktisch nicht umsetzbar. Ausnahmen bilden physisch hinterlegte ETCs (siehe oben) auf Kupfer oder Nickel, bei denen der Emittent die Lagerung übernimmt. Der Vorteil physischer Investments liegt in der direkten Preisteilhabe ohne Roll-Verluste und des geringeren Kontrahentenrisikos. Nachteile entstehen allerdings durch Lager- und Versicherungskosten sowie in vielen Fällen durch die mangelnde Liquidität.

Rohstoffaktien – indirekte Rohstoffinvestments

Eine weitere Form von Rohstoffinvestments bieten Aktien von Unternehmen, die Rohstoffe fördern oder verarbeiten. Minenunternehmen, Ölförderer oder Agrarunternehmen reagieren auf Rohstoffpreisbewegungen und bieten eine operative Hebelwirkung: Steigt der Rohstoffpreis über die Förderkosten, steigen die Unternehmensgewinne überproportional. Umgekehrt können operative Probleme wie Streiks oder Unfälle die Aktie belasten, selbst wenn der Rohstoffpreis stabil bleibt. Rohstoffaktien-ETFs auf die unterschiedlichsten Sektoren ermöglichen eine breite Streuung, stellen aber im Grunde genommen kein direktes Investment in Rohstoffe dar.

Tipps für Privatanleger

Finger weg von Futures

Der direkte Handel mit Rohstoff-Futures ist für Privatanleger mit erheblichen Risiken verbunden, die weit über den Kapitalverlust hinausgehen können. Futures sind gehebelte Instrumente: Kleine Preisbewegungen können zu überproportionalen Gewinnen, aber auch Verlusten führen. Margin Calls können Anleger zwingen, Positionen zu ungünstigen Kursen zu liquidieren oder frisches Kapital nachzuschiessen. Ein eindringliches Beispiel: Im April 2020 fiel der Preis des WTI-Öl-Futures kurzzeitig auf negative Werte, weil Halter auslaufender Kontrakte keine Lagerkapazität für die physische Lieferung hatten. Anleger erlitten extreme Verluste. Rohstoff-Futures sind Instrumente für professionelle Marktteilnehmer – Privatanleger sollten sie unbedingt meiden.

Kein Klumpenrisiko eingehen

Rohstoffmärkte können verführerisch erscheinen, wenn ein Rohstoff stark gestiegen ist. Wer dann einen grossen Teil seines Portfolios in Rohöl, Kupfer oder Lithium investiert, setzt sich einem erheblichen Klumpenrisiko aus. Als Orientierung gilt: Der Anteil von Rohstoffen am Gesamtportfolio sollte für Privatanleger mit moderatem Risikoprofil bei etwa fünf bis maximal fünfzehn Prozent liegen – und selbst dieser Anteil sollte über verschiedene Rohstoffarten gestreut sein, idealerweise über einen breit aufgestellten Rohstoffindex-ETF.

Roll-Verluste und Kosten beachten

Anleger in futures-basierte ETCs sollten die historischen Roll-Kosten des Produkts prüfen. Im anhaltenden Contango können Roll-Verluste die Rendite erheblich schmälern, selbst wenn der Rohstoffpreis steigt. Zudem unterscheiden sich Rohstoff-ETFs in ihrer Gesamtkostenquote (TER) erheblich. Günstigere Produkte mit gleicher Benchmark sollten bevorzugt werden.

Rohstoffe als Beimischung, nicht als Kernanlage

Rohstoffe liefern auf lange Sicht keine verlässliche Eigenrendite wie Aktien (Unternehmensgewinne) oder Anleihen (Zinscoupons). Der Ertrag entsteht primär aus Preissteigerungen durch Angebots-Nachfrage-Verschiebungen oder Inflation. Langfristig orientierten Anlegern bieten Aktien-ETFs in der Regel eine bessere Rendite-Risiko-Relation. Rohstoffe können als Inflationsschutz oder zur Diversifikation sinnvoll sein, sollten aber wohlüberlegt und massvoll eingesetzt werden.

Fazit zur Anlageklasse Rohstoffe

Rohstoffe sind eine anspruchsvolle Anlageklasse. Ihre Preise werden von einem komplexen Geflecht aus Konjunkturzyklen, geopolitischen Ereignissen, Wetter, Angebot und Nachfrage sowie spekulativen Kapitalströmen und Terminstrukturen bestimmt. Der einfachste und geeignetste Zugang für Privatanleger sind breit gestreute Rohstoff-ETFs oder -ETCs. Direkter Futures-Handel sollte aufgrund der hohen Risiken grundsätzlich vermieden werden. Einzelne Rohstoffe sollten nie übergewichtet werden. Und Rohstoffe sollten stets als Beimischung verstanden werden – nicht als Ersatz für ein solides Kernportfolio aus Aktien, Edelmetallen und Anleihen. Wer die Besonderheiten der Anlageklasse kennt und sie massvoll einsetzt, kann von ihr als Baustein eines robusten Portfolios aber durchaus profitieren.

Bildnachweis: Martn
Bildnummer: 1860826368
Bildquelle: AdobeStock.com


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