Kaum eine Frage beschäftigt Privatanleger so grundlegend wie diese: Lohnt es sich, Wertpapiere langfristig zu halten und Kursschwankungen einfach auszusitzen – oder lassen sich durch aktives Trading höhere Renditen erzielen?
Die Antwort, die unabhängige akademische Studien und langjährige Marktdaten liefern, ist eindeutig. Wer auf Buy & Hold setzt und breit diversifiziert investiert, schneidet langfristig in der grossen Mehrheit der Fälle besser ab als aktive Trader oder professionell gemanagte Fonds. Diverse wissenschaftliche Studien kommen zu dem Ergebnis, dass aktives Trading meist zu einer unterdurchschnittlichen Rendite (Underperformance) führt. Zwei anerkannte Forscher auf diesem Gebiet sind Brad M. Barber von der University of California (UC Davis) und Terrance Odean von der Haas School of Business (UC Berkeley). Ihre Arbeiten erschienen in führenden Peer-reviewed-Fachzeitschriften und gelten international als Standardreferenz in der Verhaltensökonomie der Kapitalmärkte.
Trading ist gefährlich für Ihren Vermögensaufbau
In ihrer im April 2000 veröffentlichten Untersuchung mit dem vielsagenden Titel „Trading Is Hazardous to Your Wealth“ (übersetzt: Trading ist gefährlich für Ihren Vermögensaufbau) analysierten Barber und Odean die Handelsaktivität von über 66.000 privaten Anleger-Depots bei einem US-amerikanischen Discountbroker über einen Zeitraum von sechs Jahren (1991 bis 1997). Das Ergebnis ist ernüchternd für alle, die durch häufiges Kaufen und Verkaufen versuchen, den Markt zu schlagen.
Quintessenz der Analyse: Aktive Privatanleger erzielten nach Abzug von Transaktionskosten eine risikoadjustierte Rendite, die im Schnitt rund 3,7 Prozentpunkte jährlich unter der Marktrendite lag. Besonders aufschlussreich war der Blick auf das aktivste Fünftel der untersuchten Anleger: Diese Gruppe wechselte ihr Portfolio im Durchschnitt mehr als zweimal pro Jahr vollständig aus – und verlor dabei jährlich rund 10,4 Prozentpunkte gegenüber dem Gesamtmarkt. Nicht etwa, weil sie Pech hatten, sondern weil Transaktionskosten, Steuern auf realisierte Gewinne und systematische Fehleinschätzungen beim Markttiming ihnen kontinuierlich Rendite entzogen. Die damalige Studie belegte: Je aktiver gehandelt wurde, desto grösser war in der Regel der Schaden für die eigene Rendite.
Nur wenige Daytrader haben dauerhaft Erfolg
In einer weiteren bedeutenden Studie werteten die Finanzökonomen Barber, Lee, Liu und Odean sämtliche Daytrading-Aktivitäten an der Taiwan Stock Exchange über einen Zeitraum von 15 Jahren aus (1992 bis 2006). Diese Datenbasis erfasste über 450.000 individuelle Trader – eine ausgesprochen umfangreiche Datenquelle für die Wissenschaft.
Das Ergebnis bestätigt und verschärft die Befunde aus den USA: Weniger als ein Prozent aller Daytrader erzielt nach Gebühren und Kosten zuverlässig positive Überrenditen gegenüber dem Markt. Die überwältigende Mehrheit verliert Geld – und das nicht nur gelegentlich, sondern systematisch und dauerhaft. Selbst wer kurzfristig erfolgreich ist, kann diesen Erfolg in den Folgejahren kaum reproduzieren. Überperformance erweist sich als selten, instabil und ist kaum von Glück oder Zufall zu unterscheiden. Die Studie unterstreicht damit auch das Problem der Überlebensverzerrung: Im öffentlichen Diskurs werden Erfolgsgeschichten einzelner Trader sichtbar, während die grosse Zahl der Verlierer im Verborgenen bleibt.
Brasilianische Daytrader – wenn Empirie zur Abschreckung wird
Eine besonders eindringliche Ergänzung lieferte eine auf den Arbeiten Barbers aufbauende Auswertung des brasilianischen Aktienmarkts, die rund 20.000 Daytrader untersuchte, die zwischen 2013 und 2015 mit dem aktiven Handel begannen. Die Ergebnisse waren eindeutig.
Unter den 1.500 aktivsten Tradern der Gesamtgruppe verdienten damals nach Abzug aller Gebühren am Ende nur 17 Personen mehr als den brasilianischen Mindestlohn – also lediglich etwas mehr als ein Prozent der Vieltrader. Besonders bemerkenswert: Es liessen sich auch keinerlei Lerneffekte nachweisen. Wer über Monate oder Jahre hinweg aktiv handelte, wurde im Durchschnitt nicht besser. Die Rendite verbesserte sich mit zunehmender Erfahrung nicht – ein klarer Hinweis darauf, dass aktives Daytrading für Privatpersonen strukturell kaum zu einem profitablen Instrument werden kann.
Auch die meisten Fondsmanager sind „Underperformer“
Neben der akademischen Forschung existiert eine institutionelle Dauererhebung, die auf einer Basis von mittlerweile über zwei Jahrzehnten zu den meistzitierten Quellen im Vergleich von aktiven mit passiven Investments gehört: das SPIVA-Scorecard (S&P Indices Versus Active) von S&P Dow Jones Indices. Dieser Bewertungsmassstab gilt methodisch als besonders aussagekräftig, weil es explizit den sogenannten Survivorship Bias korrigiert – jene Verzerrung, die entsteht, wenn Fonds, die schlechte Ergebnisse erzielten und deshalb aufgelöst wurden, aus der Statistik verschwinden. Nur durch diese Korrektur lässt sich ein zutreffendes Bild der aktiven Fondsbranche zeichnen.
Die SPIVA-Daten sprechen eine klare Sprache: Über lange Zeiträume underperformt die grosse Mehrheit aktiv gemanagter Fonds ihre jeweiligen Benchmark-Indizes. Dabei gilt: Je länger der betrachtete Zeitraum, desto höher die Underperformance-Quote.
Über den 20-Jahres-Zeitraum von 2005 bis 2024 schnitten 94,1 Prozent aller US-amerikanischen Inlandsfonds schlechter ab als der S&P 1500 Composite Index, eine breit gefasste Benchmark, welche die US-Wirtschaft in grossen Teilen abbildet. Auf risikoadjustierter Basis – also unter Berücksichtigung des eingegangenen Risikos – fällt das Ergebnis noch deutlicher aus: Hier underperformten 97,3 Prozent aller Fonds ihren Vergleichsindex. Das bedeutet: Nur knapp drei von hundert Fonds übertrafen auf risiko-adjustierter Basis langfristig den Markt.
Konsistenz als Illusion: Kein einziger Fonds hält das Niveau
Besonders aufschlussreich ist die Betrachtung der Persistenz von Outperformance. Von allen Fonds, die Ende 2020 zum besten Viertel ihrer jeweiligen Kategorie gehörten, schaffte es über die folgenden vier Jahre kein einziger Fonds, dauerhaft in diesem oberen Tabellenviertel zu verbleiben. Das Muster wiederholt sich über alle analysierten Kategorien hinweg: Erfolgreiche Jahre sind statistisch kaum von Glück zu trennen, und wer einmal outperformt, tut dies in der Folgeperiode mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr. These: Top-Fonds von heute sind die Mittelmass-Fonds von morgen.
Auch auf kürzere Zeiträume betrachtet, ergibt sich kein anderes Bild: Im Jahr 2024 underperformten 65 Prozent aller aktiv gemanagten US-Large-Cap-Fonds den S&P 500. Und über den 15-Jahres-Zeitraum bis Ende 2024 gab es keine einzige Fondskategorie, in der eine Mehrheit der aktiven Manager die Benchmark schlagen konnte.
Gründe für das schlechte Abschneiden
Die Befunde lassen sich auf wenige, gut verstandene Ursachen zurückführen, die strukturell bedingt sind und sich durch Disziplin allein kaum überwinden lassen.
Transaktionskosten und Steuern sind der erste und wohl entscheidendste Faktor. Jeder Kauf und Verkauf eines Wertpapiers verursacht Kosten – in Form von Maklergebühren, Spreads (der Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis) und, bei realisierten Gewinnen, Kapitalertragssteuern. Diese Reibungskosten akkumulieren sich im Laufe der Zeit und fressen einen erheblichen Teil der Brutto-Rendite auf. Buy-and-Hold-Strategien vermeiden diese Kosten weitgehend, weil Transaktionen selten anfallen und Gewinne erst bei tatsächlichem Verkauf versteuert werden müssen.
Hinzu kommt das systematische Problem des Markttimings. Wer aktiv handelt, muss zwei Entscheidungen richtig treffen: den Einstiegszeitpunkt und den Ausstiegszeitpunkt. Studien zeigen, dass selbst professionelle Fondsmanager dazu systematisch nicht in der Lage sind. Für Privatanleger ist diese Hürde noch höher – und die psychologischen Fallstricke wie Panikverkäufe in Krisen oder überschwängliche Käufe in Boomzeiten verstärken das Problem weiter.
Schliesslich spielt die Überkonzentration eine Rolle: Aktive Trader halten häufig weniger diversifizierte Portfolios und gehen damit ein höheres Risiko ein, ohne dafür belohnt zu werden.
Was bedeutet dies für Privatanleger?
Die Schlussfolgerung aus den Studiendaten ist nicht, dass niemand jemals mit aktivem Trading Erfolg haben kann. Es gibt Ausnahmen – aber diese sind selten, statistisch kaum vorhersagbar und erfordern einen professionellen Informations- und Technologievorsprung, über den private Anleger in der Regel nicht verfügen.
Für die grosse Mehrheit der Privatanleger legt die Datenlage nahe, dass ein langfristiger Buy-and-Hold-Ansatz, kombiniert mit breiter Diversifikation über kostengünstige Indexfonds oder ETFs, die nachhaltig überlegene Strategie darstellt. Nicht weil Märkte perfekt sind oder jede Aktienauswahl sinnlos wäre – sondern weil die strukturellen Nachteile des aktiven Handelns (Kosten, Steuern, psychologische Fehler, Timing-Risiken) in der Praxis kaum zu überwinden sind.
Buy & Hold bedeutet nicht, blind in jeden Markt zu investieren und jede Krise tatenlos zu beobachten. Es bedeutet, einen klaren Anlageplan zu entwickeln, breit gestreut zu investieren und dann die nötige Geduld aufzubringen, Marktphasen zu durchstehen – ohne auf kurzfristige Kursbewegungen zu reagieren. Diese Disziplin ist einfach beschrieben, aber psychologisch anspruchsvoll. Und sie zahlt sich langfristig aus.
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