Folker Hellmeyer zählt seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Kapitalmarkt- und Konjunkturexperten Deutschlands. Im Interview spricht der Chefvolkswirt der Netfonds AG über die Widerstandskraft der Märkte, die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland sowie die Perspektiven für Aktien, Zinsen und Gold.

Herr Hellmeyer, nach den teils starken Rückgängen im März haben sich die Aktienmärkte überraschend schnell wieder erholt. An den US-Börsen wurden zuletzt sogar neue Rekordhochs erreicht. Wie erklären Sie diese bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit der Märkte trotz der zahlreichen geopolitischen und wirtschaftlichen Risiken?

Die Widerstandsfähigkeit der Märkte lässt sich aus meiner Sicht auf drei wesentliche Faktoren zurückführen.

Ein wichtiger Punkt ist zunächst die Positionierung grosser institutioneller Anleger. Viele Marktteilnehmer haben Risiken bereits in erheblichem Umfang berücksichtigt und entsprechende Vorsorge getroffen. Dadurch ist bei negativen Nachrichten der zusätzliche Handlungsdruck begrenzt. Wer bereits auf mögliche Rückschläge vorbereitet ist, muss nicht zwangsläufig weitere Risiken abbauen oder Positionen reduzieren. Das trägt dazu bei, dass der Verkaufsdruck an den Märkten überschaubar bleibt.

Hinzu kommt die aktuelle geopolitische Lage. An den Märkten überwiegt schon länger die Erwartung, dass der Konflikt mit dem Iran nicht zu einer langfristigen Eskalation führt. Das ist von grosser Bedeutung, denn ein anhaltender Konflikt in dieser Region hätte erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Betroffen wären unter anderem die Energieversorgung, wichtige Rohstoffmärkte sowie zentrale Lieferketten.

Der dritte Faktor ist psychologischer Natur. Die vergangenen Jahre haben viele Anleger gelehrt, dass sich Rückschläge an den Märkten häufig als Kaufgelegenheiten erwiesen haben. Entsprechend wird eine Schwächephase heute oftmals nicht mehr primär als Warnsignal verstanden, sondern als Chance, Positionen aufzubauen oder auszubauen. Diese Erfahrung prägt das Verhalten vieler Investoren und trägt ebenfalls zur Stabilität der Märkte bei.

Die langfristigen Anleiherenditen weltweit bleiben erhöht. Was sagt uns das über die eigentliche Verfassung der Weltwirtschaft?

Warum steigen derzeit weltweit die Renditen für Staatsanleihen? Weil Investoren angesichts hoher Schuldenstände, geopolitischer Risiken, anhaltender Inflation und wachsender Haushaltsdefizite höhere Risikoprämien verlangen. Gleichzeitig müssen viele Staaten enorme Mengen neuer Schulden aufnehmen und refinanzieren.

Besonders kritisch wird das in hoch verschuldeten Ländern. In Japan liegen die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen mittlerweile bei rund 2,7 bis 2,8 Prozent – bei einer Staatsverschuldung von deutlich über 200 Prozent der Wirtschaftsleistung. In Frankreich bewegen wir uns aktuell im Bereich von rund 3,8 bis 3,9 Prozent, in Grossbritannien zeitweise bei über fünf Prozent.

Auch die USA sehen höhere Renditen: Zehnjährige US-Treasuries liegen aktuell bei rund 4,5 bis 4,6 Prozent. Die Vereinigten Staaten stehen meines Erachtens aber vergleichsweise robuster da, weil dort Reformen angestossen wurden, die mittel- bis langfristig defizitreduzierend wirken sollen. Hinzu kommt die höhere Energieunabhängigkeit der USA.

Wir reden heute nicht mehr über kleinere Volkswirtschaften wie damals in der Euro-Kreditkrise mit Griechenland und Co., sondern über grosse Kernmärkte der Weltwirtschaft. Deshalb wächst das Risiko, dass aus einem Zinsthema schrittweise ein systemisches Thema werden kann.

Während die USA trotz aller Krisen weiterhin dynamisch wirken, kämpft Europa zunehmend mit schwachem Wachstum, hohen Energiekosten und strukturellen Problemen. Wie gross ist Ihre Sorge um den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Der Wirtschaftsstandort Deutschland gerät derzeit wie kaum ein anderer unter Druck. Wenn wir uns die Jahre 2023 bis 2025 im BIP-Vergleich anschauen, dann hat der globale Süden in diesem Zeitraum um rund 13 Prozent zugelegt, die Weltwirtschaft um etwa 10 Prozent, die Industrienationen um gut 5 Prozent und die Eurozone um rund 2,6 Prozent. Deutschland dagegen verzeichnete in diesem Zeitraum eine Kontraktion der Wirtschaftsleistung von rund 1,3 Prozent. Eine derart schwache Entwicklung hat es in dieser Form historisch kaum gegeben.

Gleichzeitig sehen wir immer mehr negative Signale aus der Wirtschaft. Das ifo-Barometer für Selbstständige markiert neue Tiefststände, die Chemieindustrie steht massiv unter Druck, ebenso die Automobilindustrie. Die Probleme ziehen sich inzwischen durch zahlreiche Schlüsselbranchen.

Und aus meiner Sicht liegt das zentrale Problem in den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Alle Länder haben mit denselben externen Belastungen zu kämpfen – geopolitische Spannungen, hohe Energiekosten, schwache Weltkonjunktur. Deutschland entwickelt sich dennoch schwächer als nahezu alle anderen OECD-Staaten.

Wir haben inzwischen eine Vertrauenskrise zwischen Wirtschaft und Politik, wie wir sie seit Gründung der Bundesrepublik kaum erlebt haben. Gleichzeitig ist Deutschland aufgrund seiner starken Export- und Importabhängigkeit besonders anfällig für globale Verwerfungen.

Bislang wirkten vor allem die Arbeitsmarktdaten noch vergleichsweise stabil. Aber Arbeitsmarktdaten sind klassische nachlaufende Indikatoren – sie reagieren mit Zeitverzug. Dasselbe gilt für die öffentlichen Haushalte. Die scheinbare fiskalische Stabilität kann deshalb deutlich schneller erodieren, als viele derzeit noch erwarten.

Deutschland steht damit zunehmend unter Reformdruck. Und diese Reformen müssten aus meiner Sicht deutlich stärker wirtschafts- und leistungsorientiert ausfallen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen.

Trotz all dieser Risiken gibt es an den Märkten weiterhin starke Zukunfts- und Wachstumsthemen. Vor allem Künstliche Intelligenz treibt die Kurse vieler Technologieunternehmen spürbar an. Wie gross ist aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass sich in diesem Bereich eine Übertreibung oder sogar eine Blase bildet?

Für mich ist das keine Blase. Die Wirtschaft wird sich in den kommenden zehn Jahren grundlegend verändern und deutlich KI- sowie robotiklastiger werden. Deshalb halte ich die langfristigen Perspektiven dieses Sektors weiterhin für attraktiv.

Allerdings waren die Bewertungen teilweise sehr hoch, insbesondere in den USA. Entsprechend haben wir bereits Korrekturen gesehen, und ich bin nicht sicher, ob diese vollständig abgeschlossen sind. Vor rund einem Jahr wurden enorme Investitionsprogramme angekündigt, die sich in dieser Grössenordnung kaum realisieren lassen. Hinzu kommt, dass die Kosten für wichtige Komponenten wie Speicher- und Hochleistungschips deutlich gestiegen sind.

Der entscheidende Punkt ist jedoch die Energiefrage. Die vierte industrielle Revolution wird den Strombedarf massiv erhöhen. Deshalb müssen wir uns fragen, ob Europa und insbesondere Deutschland dafür überhaupt ausreichend aufgestellt sind – sowohl bei der Energieinfrastruktur als auch bei den Energiepreisen.

Mein Urteil fällt hier vernichtend aus. Über viele Jahre wurde eine Energiepolitik betrieben, die eher auf Verknappung als auf Ausbau gesetzt hat. Gleichzeitig dauert der Aufbau neuer Kapazitäten und Netze viele Jahre. Dadurch besteht die Gefahr, dass die vierte industrielle Revolution ihren Schwerpunkt ausserhalb Europas findet. Die Folgen wären geringeres Wachstum, sinkender Wohlstand und zunehmende politische Spannungen.

Viele Anleger hatten für dieses Jahr eigentlich auf Zinssenkungen und eine Lockerung der Geldpolitik gesetzt. Angesichts geopolitischer Spannungen, steigender Energiepreise und wieder zunehmender Inflationsrisiken treten die Notenbanken inzwischen jedoch deutlich vorsichtiger auf. Wie schätzen Sie die Spielräume der Notenbanken für Zinssenkungen derzeit ein?

Ein guter Massstab ist aus meiner Sicht der Realzins – also der Nominalzins nach Abzug der Inflation. Wenn wir auf die Eurozone schauen, liegt der Einlagenzins derzeit bei rund 2 Prozent, während die Verbraucherpreise zuletzt bei etwa 3 Prozent lagen. Das ergibt einen Realzins von ungefähr minus 1 Prozent. Das ist heftig.

Aus meiner Sicht ist das Thema weiterer Zinssenkungen in Europa damit weitgehend abgeschlossen. Im Gegenteil: Inzwischen wird sogar wieder über mögliche Zinserhöhungen gesprochen – unter anderem von Bundesbankpräsident Joachim Nagel sowie von Vertretern der Österreichischen Nationalbank.

In den USA stellt sich die Lage im Vergleich zur Eurozone weniger angespannt dar. Die Zielspanne der Fed Funds Rate liegt derzeit bei 3,50 bis 3,75 Prozent, der Mittelwert also bei 3,625 Prozent. Bei einer zuletzt gemessenen Inflationsrate von rund 3,8 Prozent ergibt sich daraus ein Realzins von knapp minus 0,2 Prozent. Damit ist der Realzins zwar ebenfalls leicht negativ, aber deutlich weniger belastend als in der Eurozone.

Sollte es jetzt zu einer Entspannung beim Iran-Konflikt und damit bei den Energiepreisen kommen, bleibt das Thema Zinssenkungen in den USA für das zweite Halbjahr auf der Agenda. Zwei Zinssenkungen werden derzeit weiterhin für möglich gehalten, auch wenn die Wahrscheinlichkeit zuletzt etwas abgenommen hat.

Kurz gesagt: Europa kann diesen Weg wegen der Realzinsentwicklung kaum gehen. Die USA haben mehr Spielraum – und deshalb dürfte das Thema Zinssenkungen dort weiter eine Rolle spielen, auch mit Blick auf die politische Lage und die anstehenden Midterm Elections.

Die Deutschen galten lange als eher aktienscheu und setzten traditionell stark auf Rentenversicherungen sowie andere vergleichsweise sichere Anlageformen. Gleichzeitig investieren inzwischen vor allem junge Menschen zunehmend in Aktien und ETFs. Verstärken Debatten wie zuletzt die Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz zur Rente als möglicher Basisabsicherung diesen Wandel? Entsteht hier gerade eine neue Anlegergeneration?

Das würde ich mir sehr wünschen. Ich bemühe mich auch in meinen Vorträgen in ganz Deutschland regelmässig darum. Denn in den Unternehmen findet die Kreativität der Welt statt. Dort wird geforscht, entwickelt und Innovation geschaffen.

Ich investiere deshalb lieber in Unternehmen, die sich alle drei Monate vor ihren Aktionären erklären müssen, als in Regierungen, die sich mitunter nicht einmal an ihre eigenen Ankündigungen erinnern. Für mich ist klar, was langfristig attraktiver ist: Aktien.

Wenn sich in Deutschland eine stärkere Aktienkultur entwickelt, wäre das sehr positiv. Viele Menschen übersehen dabei einen wichtigen Punkt: Wer in starke Unternehmen investiert, besitzt auch einen gewissen Inflationsschutz. Denn erfolgreiche Unternehmen können steigende Kosten häufig über höhere Preise weitergeben.

Aktien werden oft als Risikoanlage bezeichnet. Ich sehe das anders. Historisch betrachtet sind Geldanlagen und Anleihen das grössere Risiko. Starke Unternehmen haben Weltkriege, Inflationen und Währungsreformen überstanden. Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir in Deutschland endlich eine stärkere Aktienkultur entwickeln. Das kommt von politischer Seite zwar sehr spät, aber zumindest bewegen wir uns in die richtige Richtung.

Gold gilt traditionell als Krisenwährung. Trotzdem kam es trotz der Iran-Krise zeitweise zu deutlichen Rücksetzern. Wie erklären Sie sich diese deutlich höhere Volatilität beim Goldpreis?

Der starke Rücksetzer bei Gold überrascht mich nicht. Der vorherige Anstieg war aussergewöhnlich steil, und solche Bewegungen müssen irgendwann korrigieren. Aus meiner Sicht sind diese Korrekturen sogar gesund, weil sie den Markt stabilisieren.

Für mich hat das wenig mit der Rolle von Gold als Krisenwährung zu tun. Vielmehr sehen wir technische und liquiditätsbedingte Bewegungen. Viele Anleger nutzen Gewinne im Goldmarkt, um Verluste in anderen Anlageklassen auszugleichen. Das sorgt zeitweise für Verkaufsdruck.

Am langfristigen Bild hat sich dadurch nichts geändert. Gold und Silber bleiben für mich in einem intakten Aufwärtstrend. Korrekturen sind dabei keine Trendwende, sondern eher Chancen zum Aufbau oder zur Erweiterung von Positionen.

Der entscheidende Treiber bleibt die schrittweise Veränderung der globalen Finanzarchitektur. Viele Länder wollen ihre Abhängigkeit vom US-Dollar reduzieren, während eine überzeugende Alternative bislang fehlt. In einem solchen Umfeld bleibt Gold ein zentraler Stabilitätsanker. Deshalb bin ich überzeugt, dass die langfristige Aufwärtsbewegung bei Gold und Silber noch nicht abgeschlossen ist.

Und zu guter Letzt: Wie sollte aus Ihrer Sicht ein robust aufgestelltes Portfolio in diesem Umfeld derzeit aussehen?

Ich halte derzeit rund 15 bis 20 Prozent physische Edelmetalle und etwa 25 Prozent Liquidität für sinnvoll. Den Rest würde ich in qualitativ hochwertige und widerstandsfähige Unternehmen investieren. Besonders interessant bleiben für mich die grossen Zukunftsthemen wie Künstliche Intelligenz, Robotik und Biotechnologie, aber auch ausgewählte Unternehmen der klassischen Industrie. Wichtig ist dabei, genügend Liquidität vorzuhalten, um Rücksetzer gezielt zum Aufbau von Positionen nutzen zu können.

Bildquelle: Folker Hellmeyer


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