Im Juni setzte sich an den Goldmärkten die Durststrecke beschleunigt fort. Die Krisenwährung rutschte zeitweise sogar unter die Marke von 4.000 Dollar. Aktuell droht ihr das vierte Monatsminus in Folge, welches sich aktuell auf über 12 Prozent beläuft (Stand: 25.06.26).
Zinssorgen bremsen Goldpreis aus
Besonders bemerkenswert: Die jüngsten Kursverluste erfolgten trotz eines deutlichen Einbruchs beim Ölpreis. Seit Ausbruch des Irankriegs wurden hohe Ölpreise als Inflations- und Zinstreiber wahrgenommen und belasteten den traditionellen Inflationsschutz Gold. Nachdem sich die Lage im Nahen Osten entspannt hatte und der Brent-Ölpreis um in der Spitze 39 Prozent nachgab, gingen die Inflationssorgen vieler Marktteilnehmer zwar zurück, die Aussicht auf anhaltend hohe oder sogar weiter steigende Zinsen nahm dennoch zu. So erhöhte im Juni zum Beispiel die EZB die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent. Das FedWatch-Tool des Terminbörsenbetreibers CME Group signalisiert zudem eine Wahrscheinlichkeit von rund 66 Prozent, dass die US-Leitzinsen bereits im September – und damit früher als bislang erwartet – erhöht werden.
Für Gold stellen hohe Zinsen ein Problem dar, da das Edelmetall selbst keine laufenden Erträge wie Zinsen oder Dividenden erwirtschaftet, sondern durch den erforderlichen Zinsverzicht Opportunitätskosten verursacht. Viele Geldanleger investieren dann lieber in verzinsliche Wertpapiere als in das gelbe Edelmetall. Deshalb reagierten die Märkte in diesem Jahr besonders sensibel auf Äusserungen von Vertretern der US-Notenbank sowie auf robuste Konjunktur- und Arbeitsmarktdaten aus den Vereinigten Staaten. Diese nährten nämlich die Erwartung, dass die Federal Reserve ihren restriktiven Kurs länger beibehalten könnte als bislang angenommen.
Die Ereignisse im Juni haben gezeigt, dass der Goldmarkt derzeit weniger auf geopolitische Risiken oder Inflationsängste reagiert als auf die Zinsentwicklung. Solange die Aussicht auf hohe Realzinsen (Zinsen minus Inflation) bestehen bleibt, dürfte Gold mit Gegenwind zu kämpfen haben. Für Anleger bleibt damit vor allem die Geldpolitik der US-Notenbank der entscheidende Einflussfaktor für die weitere Preisentwicklung.
Zinsängste nicht überbewerten
Nach Ansicht von Robert Hartmann, dem erfahrenen Edelmetallprofi und Mitgründer von pro aurum, wird die Rolle der Fed allerdings überschätzt. Er sagt: „Durch den riesigen Schuldenberg der USA in Höhe von über 39 Billionen Dollar hat die Notenbank kaum echte Optionen. Oberstes Ziel muss es unter diesen Rahmenbedingungen sein, den realen Zins negativ zu halten.“ Dann könne man nämlich die Staatsschulden später mit inflationierten Dollars begleichen. Hartmann weiter: „Das war in der Geschichte unseres Finanzsystems schon oft bzw. fast immer so. Die idealerweise schleichende Inflation wird von den Anlegern kaum oder wenig wahrgenommen. Auf lange Sicht ist dies für den Schuldner aber ein genialer Weg, um sich zu entschulden.“
Robert Hartmann merkt an, dass wir in den Goldreports der vergangenen Monate mehrfach auf die Möglichkeit einer ausgeprägten Korrektur hingewiesen haben. Und nach einer solch heftigen Aufwärtsbewegung des Goldpreises während der vergangenen Jahre ist dies durchaus als gesunde Entwicklung anzusehen, immerhin hat das gelbe Edelmetall von 2024 bis Januar 2026 mehr als 100 Prozent zugelegt. Sein Rat lautet nun: „Nach einem Rückgang um bislang 1.700 Dollar oder umgerechnet 30 Prozent unter das Top kann man nun wieder über mittel- bis langfristig angelegte Goldkäufe nachdenken. Dies bietet sich vor allem für diejenigen an, die nahe den Höchstständen verkauft haben.“ Charttechnisch könne sich die technische Korrektur seiner Meinung nach aber noch bis ca. 3.800 Dollar ausweiten. Er geht davon aus, dass sich das saisonale Zeitfenster Ende Juni schliesst und sagt: „Wie schon so oft an dieser Stelle gesagt: Die Politik hat maximal kurzfristigen Einfluss auf den Goldpreis. Viel wichtiger sind die inflationsbereinigten Zinsen und das Ausmass der Staatsverschuldung.“
Charttechnische Lage hat sich deutlich eingetrübt
Aus charttechnischer Sicht verlief der Juni besonders enttäuschend. Während zu Jahresbeginn noch neue Rekordstände oberhalb von 5.400 Dollar erreicht wurden, hat sich das charttechnische Bild in den vergangenen Wochen deutlich verschlechtert. Besonders kritisch zu bewerten ist, dass der Goldpreis mittlerweile zahlreiche wichtige Durchschnittslinien unterschritten hat. Dies betrifft sowohl kurzfristige gleitende Durchschnitte wie die 20-Tage-Linie als auch mittelfristige Indikatoren wie die 50- und 100-Tage-Linie. Selbst langfristig orientierte Marktteilnehmer müssen zur Kenntnis nehmen, dass inzwischen auch bedeutende langfristige Durchschnittslinien wie die 200-Tage-Linie verletzt wurden. Viele Charttechniker werten dies als eindeutiges Verkaufssignal.
Wichtig zu wissen: Die technische Analyse beschreibt vor allem die aktuelle Marktstimmung und kann sich bei veränderten Rahmenbedingungen schnell ändern. Kurzfristig dominieren bei Gold allerdings eindeutig die Verkäufer das Marktgeschehen, während charttechnische Kaufsignale derzeit Mangelware sind.
Edelmetallprofi Hartmann merkt an, dass langfristige Charts sicherlich hilfreich sind, um Unter- oder Übertreibungen zu antizipieren und sagt: „Jeder, der sich den Monatschart des Goldpreises seit dem Jahr 2000 ansieht, blickt auf eine sogenannte ‚Fahnenstange‘, die seit 2024 stetig steiler geworden ist. Solche Formationen sind nicht nachhaltig und schreien förmlich nach einer Korrektur – die schliesslich auch eingetreten ist. Längere Seitwärtsbewegungen und eine stark sinkende Volatilität sind in der Regel Vorboten, dass ein Tief ausgeprägt wird.“
Einen markanten Rückgang verzeichnet derzeit der CBOE-Volatilitätsindex (GVZ). Nachdem er im Zuge der diesjährigen Marktturbulenzen Ende Januar und Ende März zeitweise auf über 45 Prozent geklettert war, hat er sich mittlerweile wieder auf 31 Prozent „beruhigt“. Damit notiert er aber immer noch deutlich über seinen in den Jahren 2023 und 2024 markierten Tiefs knapp oberhalb von 10 Prozent.
Asiens Goldhandelsplätze auf dem Vormarsch
Der globale Goldhandel befindet sich im Wandel. Während die traditionellen Handelszentren London und New York weiterhin dominieren, arbeiten die asiatischen Finanzplätze Hongkong und Singapur mit Hochdruck daran, ihre Bedeutung im internationalen Goldmarkt auszubauen. Hintergrund ist die wachsende Goldnachfrage in Asien, insbesondere in China und Indien, die bereits heute zu den wichtigsten Absatzmärkten für das Edelmetall zählen.
Besonders ambitionierte Pläne verkündete im Juni Singapur. Der Stadtstaat möchte sich als führendes Goldhandelszentrum im asiatisch-pazifischen Raum etablieren. Zu diesem Zweck wird derzeit ein umfassendes Handels- und Abwicklungssystem aufgebaut. Geplant sind unter anderem neue Clearing-Strukturen für den ausserbörslichen Goldhandel, zusätzliche Lagerkapazitäten sowie Dienstleistungen für Zentralbanken und institutionelle Investoren. Darüber hinaus soll Singapur verstärkt als Standort für die Verwahrung von Goldreserven dienen. Die Strategie zielt darauf ab, Handel, Lagerung und Abwicklung an einem Standort zu bündeln und dadurch internationale Marktteilnehmer anzuziehen.
Hongkong verfolgt ebenfalls eine expansive Goldmarktstrategie, setzt dabei jedoch andere Schwerpunkte. Im Mittelpunkt steht die engere Verzahnung mit dem chinesischen Goldmarkt. Die Börse Hongkong sowie staatliche Stellen arbeiten daran, die Verbindung zur chinesischen Goldindustrie und zur Shanghai Gold Exchange weiter auszubauen. Gleichzeitig sollen neue Clearing-Systeme und zusätzliche Lagerkapazitäten geschaffen werden. Auch eine Wiederbelebung des Gold-Futures-Handels steht auf der Agenda.
Langfristig verfolgt Hongkong damit das Ziel, eine grössere Rolle bei der internationalen Preisbildung von Gold einzunehmen. Insbesondere die stärkere Nutzung von Renminbi-basierten Goldprodukten könnte dazu beitragen, den Einfluss asiatischer Marktteilnehmer auf den globalen Goldmarkt zu erhöhen.
Für Anleger sind diese Entwicklungen durchaus relevant. Bislang erfolgt ein Grossteil der Preisbildung im Goldmarkt über die Handelsplätze in London und New York. Mit dem Ausbau der Infrastruktur in Hongkong und Singapur könnte sich das Kräfteverhältnis jedoch schrittweise verschieben. Beide Finanzzentren profitieren von ihrer geografischen Nähe zu den grössten Goldkonsumenten der Welt sowie von steigenden Investitionen in den asiatischen Edelmetallsektor.
Für Hartmann steht bereits heute fest, dass die Hoheit der Preisbildung bei den Edelmetallen Stück für Stück in die asiatischen Länder bzw. zu deren Edelmetallbörsen abwandern wird. Er sagt: „Dort hat die physische Komponente einen viel grösseren Einfluss auf die Preisfindung als in New York und London. Von daher begrüsse ich persönlich diese Entwicklung.“
Drei Fragen an die Privatkunden von pro aurum
An der von pro aurum im Internet durchgeführten Edelmetall-Stimmungsumfrage haben sich im Juni 350 Personen (Mai: 290) beteiligt. Im Zuge der anhaltenden Talfahrt des Goldpreises hat die Kaufbereitschaft der Investoren gegenüber dem Vormonat von 43,3 auf 39,3 Prozent nachgelassen. Deutlich verstärkt hat sich allerdings der Anteil abwartender Geldanleger. Hier war im Berichtszeitraum ein Anstieg von 44,3 auf 54,7 Prozent registriert worden. Steil bergab ging es indes mit der Verkaufsbereitschaft. Diese hat sich gegenüber dem Vormonat von 12,4 auf 6,0 Prozent mehr als halbiert.

Bei der Frage nach der aktuellen Bewertung der Edelmetallpreise gab es im Juni keine grösseren Veränderungen zu beobachten. Die Ansicht, dass Edelmetalle derzeit unterbewertet sind, hat sich von 26,8 auf 29,9 Prozent verstärkt. Fast die Hälfte der Befragten stuft die aktuellen Edelmetallpreise derzeit als fair bewertet ein. Hier stellte sich gegenüber dem Vormonat ein Rückgang von 52,6 auf 49,6 Prozent ein. Die Einschätzung, dass die Edelmetallpreise aktuell überbewertet sind, blieb nahezu unverändert. Deren Quote verzeichnete eine marginale Abschwächung von 20,6 auf 20,5 Prozent.

Befragt nach der künftigen Preisentwicklung der Edelmetalle in den kommenden drei Monaten schlug im Juni erneut ein wachsender Pessimismus zu Buche. Mittlerweile erwarten nämlich 26,7 Prozent der Befragten (Mai: 20,8 Prozent) fallende Edelmetallpreise. Einen leichten Anstieg der Quote gab es bei den Umfrageteilnehmer zu beobachten, die steigende Edelmetallpreise erwarten. Hier gab es einen Zuwachs von 41,7 auf 43,1 Prozent zu vermelden. Bei der Erwartung seitwärts tendierender Edelmetallpreise war hingegen ein markanter Rückgang registriert worden, was sich in einem Rückgang von 37,5 auf 30,2 Prozent niedergeschlagen hat.

Bildnachweis: NuriAlam
Bildnummer: 1380086475
Bildquelle: www.stock.adobe.com
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