Bei den Weissmetallen übertraf der Silberpreis in diesem Jahr die Performance von Platin und Palladium recht deutlich und entwickelte sich zudem auch etwas besser als Gold. Die überdurchschnittliche Performance musste allerdings mit einer hohen Volatilität „bezahlt“ werden.
Silber gehörte bis Mitte Mai mit plus sieben Prozent zu den grössten Gewinnern unter den Edelmetallen. Zeitweise erreichte sein Preis sogar ein neues Rekordhoch von über 116 Dollar und entwickelte sich trotz der zwischenzeitlichen technischen Korrektur etwas besser als Gold (plus fünf Prozent) und deutlich stärker als Platin (minus fünf Prozent) oder Palladium (minus 15 Prozent). Platin rutschte im Jahresverlauf unter seinen Jahresultimo, während Palladium eindeutig das Schlusslicht bildete.
Silber – Outperformer im Marktsegment Edelmetalle
Allerdings gerieten zuletzt sämtliche Weissmetalle unter Druck. Hintergrund ist vor allem der massive Anstieg der Energiepreise infolge des Kriegs im Nahen Osten. Die weitgehende Blockade der Strasse von Hormus hat Ölpreise von über 100 Dollar je Barrel ausgelöst und die Inflations-, Zins- und Konjunktursorgen weltweit deutlich verschärft.
Hinzu kamen schwache Inflationsdaten aus den USA. Die Verbraucher- und Produzentenpreise stiegen im April 2026 mit 3,8 Prozent bzw. 6,0 Prozent p.a. deutlich stärker als erwartet. Dadurch änderten sich die Zinserwartungen an den Finanzmärkten massiv. Während Anleger zu Jahresbeginn noch auf mehrere Zinssenkungen der US-Notenbank Fed hofften, sind mittlerweile sogar Zinserhöhungen bis Jahresende deutlich wahrscheinlicher geworden als Zinssenkungen.
Genau dies belastet die Edelmetalle derzeit besonders stark. Steigende Renditen und ein stärkerer Dollar erhöhen nämlich die Opportunitätskosten zinsloser Anlagen wie Silber, Platin oder Palladium.
Warum Silber weiterhin gefragter sein dürfte
Der wichtigste Grund für die derzeitige Outperformance von Silber dürfte in der wesentlich breiter diversifizierten Nachfrage liegen. Silber besitzt nämlich eine Sonderstellung unter den Weissmetallen. Einerseits wird es von vielen Investoren als monetäres Edelmetall und Krisenwährung betrachtet. Gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten profitieren physisches Silber, Silber-ETFs und Münzen häufig von einer steigenden Nachfrage nach Sachwerten.
Andererseits spielt Silber gleichzeitig eine zentrale Rolle in zahlreichen Zukunftsindustrien. Das Metall wird unter anderem in der Solarindustrie, Elektronik, Elektromobilität, Medizintechnik sowie beim Ausbau von Rechenzentren und KI-Infrastruktur benötigt. Dadurch profitiert Silber sowohl von Investmentnachfrage als auch von strukturellem Industriewachstum.
Hinzu kommt die fundamentale Lage am Markt. Laut dem aktuellen „World Silver Survey 2026“ des Silver Institute dürfte der Silbermarkt 2026 bereits das sechste Angebotsdefizit in Folge verzeichnen. Die weltweite Nachfrage bleibt damit erneut höher als das verfügbare Angebot. Gleichzeitig sind die oberirdischen Lagerbestände in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, was künftig zu Lieferengpässen und starken Preisausschlägen führen kann
Trotzdem werden die Prognosen kurzfristig vorsichtiger. Die Grossbank UBS reduzierte zuletzt ihre Preisziele für Silber deutlich und erwartet nur noch ein wesentlich kleineres Marktdefizit als bislang angenommen. Die Analysten rechnen inzwischen eher mit einer Seitwärtsbewegung beim Silberpreis. Dennoch sehen viele Marktbeobachter Silber langfristig weiterhin vergleichsweise gut aufgestellt.
Platin und Palladium leiden unter der Autoindustrie
Deutlich schwieriger präsentiert sich die Lage bei Platin und insbesondere Palladium. Beide Metalle hängen wesentlich stärker von der Automobilindustrie ab als Silber. Vor allem Palladium wird hauptsächlich in Abgaskatalysatoren für Benzinfahrzeuge eingesetzt.
Genau hier zeigen sich inzwischen massive Probleme. Besonders belastend wirken die jüngsten Entwicklungen in China. Laut aktuellen Daten brachen die Verkäufe von Benzinfahrzeugen im April 2026 im Zuge explodierender Ölpreise um mehr als 30 Prozent ein. Gleichzeitig stieg der Marktanteil von Elektroautos und Plug-in-Hybriden auf Rekordniveaus.
Für Palladium ist das problematisch, weil dieses Weissmetall vor allem in den Abgaskatalysatoren von mit Benzin betriebenen Fahrzeugen verarbeitet wird. Der strukturelle Wandel der Automobilindustrie belastet den Palladiummarkt deshalb bereits seit mehreren Jahren. Aber auch Platin leidet unter der schwächeren Konjunktur und den Problemen der globalen Autoindustrie. Zwar profitiert das Metall teilweise von Wasserstofftechnologien und der Schmucknachfrage, insgesamt bleibt die Abhängigkeit vom Automobilsektor jedoch hoch.
Ein weiterer wichtiger Unterschied zu Silber ist die Marktliquidität. Die Märkte für Platin und Palladium sind deutlich kleiner und illiquider. Dadurch reagieren die Preise oft wesentlich heftiger auf Nachfrageschwankungen, geopolitische Risiken oder spekulative Kapitalbewegungen. Gerade Palladium gilt deshalb als besonders volatiler Markt.
Hohe Chancen – aber auch hohe Risiken
Für Anleger bleiben Weissmetalle damit ein hochspannender, aber zugleich riskanter Markt. Geopolitische Spannungen, Energiepreise, Inflation, Zinspolitik, Handelskonflikte und Konjunktursorgen beeinflussen die Preise derzeit massiv. Kurzfristige Prognosen bleiben deshalb äusserst schwierig. Langfristig wirkt Silber im Vergleich jedoch weiterhin relativ robust. Die Kombination aus monetärer Nachfrage, strukturellem Angebotsdefizit und wachsender Bedeutung für Zukunftstechnologien verschafft dem Metall derzeit eine gute Ausgangslage unter den drei Weissmetallen.
Bildnachweis: pro aurum
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