Anleihen gelten seit Jahrhunderten als Rückgrat der Kapitalmärkte. Doch hinter dem Ruf der sicheren Anlageklasse verbergen sich mittlerweile erhebliche Risiken, die Investoren häufig unterschätzen.

Konstruktion und Funktionsweise von Anleihen

Anleihen – auch Bonds, Renten oder festverzinsliche Wertpapiere genannt – gehören zu den ältesten und volumenmässig grössten Anlageklassen der Welt. Im Kern handelt es sich bei einer Anleihe um ein Schuldverhältnis: Ein Emittent (Schuldner), also ein Staat, ein Unternehmen oder eine staatenübergreifende Organisation, leiht sich Kapital von Investoren (Gläubigern) und verpflichtet sich im Gegenzug, dieses Kapital nach einer festgelegten Laufzeit zurückzuzahlen und während der Laufzeit regelmässige Zinszahlungen, den sogenannten Kupon, zu leisten.

Die grundlegende Konstruktion einer Anleihe umfasst mehrere Kernparameter: den Nennwert (den Betrag, der bei Fälligkeit zurückgezahlt wird), den Kupon (den Zinssatz, bezogen auf den Nennwert), die Laufzeit (die Zeit bis zur Rückzahlung) sowie den Emissionspreis, der vom Nennwert abweichen kann. Anleihen werden an Börsen gehandelt, weshalb ihr Marktpreis täglich schwankt – in aller Regel entgegengesetzt zur Zinsentwicklung: Steigen die Marktzinsen, fällt der Kurs bestehender Anleihen, und umgekehrt. Diese inverse Beziehung zwischen Kurs und Rendite ist eine der zentralen Eigenheiten dieser Anlageklasse.

Unterschiedliche Qualität von Anleihen

Ein entscheidendes Merkmal bei der Bewertung von Anleihen ist das Kreditrating. Ratingagenturen wie Moody’s, Standard & Poor’s (S&P) und Fitch beurteilen die Bonität eines Emittenten und geben damit Auskunft über die Wahrscheinlichkeit, dass Zinsen und Rückzahlung vertragsgemäss geleistet werden. Die Skala reicht von „AAA“ (höchste Bonität) bis in den spekulativen Bereich unterhalb von „BBB-“ (S&P und Fitch) beziehungsweise „Baa3″ (Moody’s). Anleihen im Investment-Grade-Bereich gelten als vergleichsweise sicher, während High-Yield-Anleihen – im Volksmund auch „Junk Bonds“ genannt – höhere Renditen bieten, aber ein deutlich erhöhtes Ausfallrisiko tragen.

Neben dem klassischen Kupon gibt es zahlreiche Variationen: Nullkupon-Anleihen (Zero Bonds) zahlen keinen laufenden Zins, werden aber mit Abschlag emittiert und zum Nennwert zurückgezahlt. Inflationsindexierte Anleihen passen Kupon oder Nennwert an die Inflationsentwicklung an. Variabel verzinsliche Anleihen (Floater) orientieren sich an einem Referenzzinssatz wie dem EURIBOR. Wandelanleihen geben dem Inhaber das Recht, die Anleihe zu einem festgelegten Kurs in Aktien des Emittenten umzutauschen.

Vor- und Nachteile im Überblick

Anleihen bieten Anlegern eine Reihe von Vorteilen, die sie traditionell zu einem wichtigen Baustein diversifizierter Portfolios gemacht haben. An erster Stelle steht die Planbarkeit: Wer eine Anleihe bis zur Fälligkeit hält, kennt – sofern der Emittent nicht ausfällt – seine Zahlungsströme im Voraus. Regelmässige Kuponzahlungen können als stabile Einkommensquelle dienen, was insbesondere für institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionsfonds attraktiv ist. In Phasen wirtschaftlicher Unsicherheit wirken Staatsanleihen hoher Bonität häufig als „sicherer Hafen“: Wenn riskante Anlageklassen wie Aktien fallen, steigen die Kurse solider Staatsanleihen oft, was die Portfoliovolatilität dämpft.

Auf der Nachteilsseite steht zunächst das Zinsänderungsrisiko: Anleger, die Anleihen vor Fälligkeit verkaufen wollen oder müssen, sind dem Marktpreisrisiko ausgesetzt. Langläufer reagieren besonders stark auf Zinsveränderungen – gemessen durch die Kennzahl „Duration“ (Restlaufzeit). Hinzu kommt das Inflationsrisiko: Eine nominal fest verzinste Anleihe verliert real an Kaufkraft, wenn die Inflation unerwartet anzieht und deren Rendite übersteigt. Das Kreditrisiko oder Ausfallrisiko beschreibt die Möglichkeit, dass ein Emittent seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen kann. Schliesslich sind Anleihen im Vergleich zu Aktien in der langfristigen Renditebetrachtung strukturell im Nachteil: Historisch gesehen haben Aktien über Zeiträume von mehreren Jahrzehnten deutlich höhere Renditen erzielt.

Anleihenmärkte und die Dominanz der US-Staatsanleihen

Der globale Anleihenmarkt ist gemessen am ausstehenden Volumen deutlich grösser als der weltweite Aktienmarkt. Schätzungen zufolge übersteigt das global ausstehende Anleihenvolumen (alle Kategorien) mittlerweile 143 Billionen Dollar. Innerhalb dieser riesigen Anlageklasse lassen sich verschiedene Segmente unterscheiden: Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Pfandbriefe und gedeckte Schuldverschreibungen, kommunale Anleihen sowie verbriefte Produkte wie Mortgage-Backed Securities.

Den mit Abstand grössten Einzelmarkt stellt der Markt für US-Staatsanleihen („Treasuries“) dar. Das ausstehende Volumen amerikanischer Staatsanleihen liegt über 30 Billionen Dollar und übertrifft damit die Märkte aller anderen Industrienationen erheblich. Dieser Markt gilt als der liquideste der Welt: Täglich werden Treasuries im Wert von mehreren Hundert Milliarden Dollar gehandelt. US-Staatsanleihen fungieren als globale Benchmark – ihre Renditen beeinflussen Finanzierungskosten auf der ganzen Welt, von Hypothekenzinsen bis hin zu Unternehmensanleiherenditen. Der Status des Dollars als Weltreservewährung, kombiniert mit der Tiefe und Liquidität des Treasury-Markts, macht diese Papiere zum wichtigsten risikofreien Referenzpunkt im globalen Finanzsystem.

In Europa nehmen deutsche Bundesanleihen eine vergleichbare Rolle als Benchmark ein, wenngleich ihr Marktvolumen deutlich kleiner ist. Japanische Staatsanleihen (JGBs) sind ebenfalls bedeutend, werden aber zu einem grossen Teil vom japanischen Staat und der Bank of Japan selbst gehalten. Im Unternehmensanleihebereich dominieren US-amerikanische und europäische Emittenten, wobei der Investment-Grade-Markt für viele institutionelle Anleger das Kernsegment darstellt.

Zugangswege für Anleger

Privatanleger haben heute mehrere Möglichkeiten, in die Anlageklasse Anleihen zu investieren. Der direkteste Weg ist der Kauf einzelner Anleihen über eine Depotbank an der Börse oder direkt vom Emittenten bei der Neuemission. Dieser Weg bietet maximale Kontrolle über Laufzeit, Emittent und Kupon, setzt aber ein gewisses Mindestkapital voraus, da viele Anleihen Mindeststückelungen von 1.000 Euro oder mehr aufweisen. Ausserdem bindet der direkte Kauf Kapital in einem einzelnen Schuldtitel, wodurch ein Klumpenrisiko entstehen kann.

Deutlich zugänglicher und für die meisten Privatanleger geeigneter sind Anleihenfonds und insbesondere börsengehandelte Indexfonds (ETFs) auf Anleihenindizes. Diese Vehikel bündeln viele Anleihen in einem Portfolio, schaffen automatische Diversifikation und sind bereits mit kleinen Beträgen investierbar. Anleihen-ETFs gibt es auf nahezu alle Marktsegmente: Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Hochzinsanleihen, inflationsgeschützte Anleihen oder nach Regionen und Laufzeiten differenziert. Die laufenden Kosten für passive Anleihen-ETFs sind in den vergangenen Jahren stark gesunken und liegen teils unter 0,10 Prozent pro Jahr.

Aktiv gemanagte Anleihenfonds versuchen durch gezielte Titelauswahl und taktische Laufzeitensteuerung den Markt zu übertreffen, was jedoch – ähnlich wie im Aktienbereich – den meisten aktiven Managern langfristig nicht gelingt. Darüber hinaus können Anleger über Robo-Advisor oder Vermögensverwaltungen unterschiedliche Portfolios mit Anleihenanteil erwerben.

Diversifikation: Klumpenrisiken vermeiden

Ein häufiger Fehler bei der Anlage in Anleihen ist die Konzentration auf einen einzigen Emittenten, eine einzige Region oder ein enges Laufzeitsegment. Wer ausschliesslich in heimische Staatsanleihen investiert, setzt sein Portfolio dem spezifischen fiskalischen und wirtschaftspolitischen Risiko seines Heimatlandes aus. Wer sich auf einzelne Unternehmensanleihen konzentriert, riskiert empfindliche Verluste bei einer Bonitätsverschlechterung oder gar dem Ausfall des Emittenten.

Internationale Diversifikation ist daher essenziell. Ein gut strukturiertes Anleihenportfolio kombiniert typischerweise Staatsanleihen verschiedener Länder und Währungsräume, Unternehmensanleihen unterschiedlicher Branchen und Bonitätsstufen sowie verschiedene Laufzeiten (sogenannte Laddering-Strategie), um das Zinsänderungsrisiko zu glätten. Beim Kauf von Fremdwährungsanleihen ist zu beachten, dass Währungsrisiken das Renditeprofil erheblich beeinflussen können. Währungsgesicherte ETFs bieten hier eine praktikable Lösung, allerdings verursacht die Währungsabsicherung selbst Kosten, die die Rendite mindern können.

Ein breiter Anleihen-ETF, der global in hunderte oder tausende Anleihen investiert, bietet eine kostengünstige Möglichkeit, Klumpenrisiken zu minimieren. Gleichzeitig sollten Anleger darauf achten, dass viele globale Anleihenindizes stark in US-Dollar-denominierten Papiere gewichtet sind – eine Tatsache, die implizit ein erhebliches Wechselkursrisiko gegenüber dem Dollar darstellt.

Kritik: Strukturelle Risiken und systemische Schwächen

Trotz ihrer traditionell konservativen Reputation sind Anleihen keineswegs frei von grundlegenden Risiken. Das Kontrahentenrisiko – das Risiko, dass der Schuldner seinen Verpflichtungen nicht nachkommt – ist bei Anleihen strukturell unterschiedlich ausgeprägt. Während Staatsanleihen hochentwickelter Länder historisch als nahezu ausfallsicher galten, haben Staatsbankrotte der Geschichte – von Argentinien über Griechenland bis Russland – gezeigt, dass auch staatliche Schuldner scheitern können.

Ein gravierendes strukturelles Problem der Gegenwart ist die exzessive Verschuldung vieler Staaten und Unternehmen. Die weltweiten Staatsschulden haben seit der Finanzkrise 2008 und erneut seit der COVID-19-Pandemie historische Höchststände erreicht. Steigende Schuldenberge gefährden mittelfristig die Bonität von Emittenten und können bei einem Vertrauensverlust der Märkte zu abrupten Renditeanstiegen führen – was sowohl Anleihenhalter durch Kursrückgänge als auch Schuldner durch steigende Refinanzierungskosten trifft. In den vergangenen Jahren hat sich die Schuldentragfähigkeit zahlreicher Industrieländer tendenziell verschlechtert.

Die Geldpolitik der Zentralbanken hat das Anleihensegment in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten tiefgreifend verändert. Die Phase der ultralockeren Geldpolitik (expansive Geldpolitik) nach 2008 und das Quantitative Easing (QE) – also der grossangelegte Ankauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren durch Notenbanken wie die Federal Reserve oder die Europäische Zentralbank (EZB) – hat die Anleiherenditen künstlich gedrückt und Anleihen für Jahre nahezu unattraktiv gemacht. Die gewaltige Bilanzausdehnung der Zentralbanken hat zwar die Finanzierung der Staaten verbilligt, im Gegenzug aber auch Fragen zur langfristigen Stabilität des Systems aufgeworfen.

Als die Notenbanken ab 2022 angesichts stark gestiegener Inflation den Kurs wechselten und zur restriktiven Geldpolitik übergingen – verbunden mit den schnellsten Zinserhöhungszyklen seit Jahrzehnten – erlitten Anleiheinvestoren erhebliche Kursverluste. Das Jahr 2022 gehört zu den schlechtesten Jahren für Anleihen in der modernen Geschichte: Anleihenindizes verlor in manchen Regionen mehr als 15 Prozent an Wert, was das vermeintliche Sicherheitsversprechen dieser Anlageklasse nachhaltig beschädigte. Die Erfahrung, dass Anleihen und Aktien gleichzeitig stark fallen können – was das klassische 60/40-Portfolio besonders hart traf – hat das Paradigma der negativen Korrelation zwischen den Anlageklassen stark in Frage gestellt.

Bedeutungsverlust von Anleihen im Portfolio

Anleihen verlieren seit Jahren in der Praxis vieler Anleger an Bedeutung. Die Gründe sind vielschichtig und reichen von strukturellen Renditedefiziten bis hin zu einem fundamentalen Umdenken über die Rolle von Anleihen im Portfoliokontext. In der langen Nullzinsphase zwischen 2010 und 2021 boten Staatsanleihen der Kernländer Renditen nahe null oder sogar im negativen Bereich. Wer sichere Staatsanleihen hielt, zahlte in gewisser Weise dafür, Geld verleihen zu dürfen – eine historische Anomalie, die das fundamentale Prinzip des Zinseszinses auf den Kopf stellte.

Viele institutionelle Anleger – Pensionskassen, Versicherungen, Stiftungen – haben ihre Anleihenquoten in den vergangenen Jahren schrittweise reduziert und das freigesetzte Kapital in Aktien, Immobilien, Private Equity und alternative Anlagen umgeschichtet. Diese Entwicklung spiegelt die Erkenntnis wider, dass traditionelle Anleihen ihre Rolle als verlässlicher Ertragsbringer und Portfoliostabilisator nur noch eingeschränkt erfüllen können, wenn die Renditen über Jahre strukturell niedrig bleiben.

Auch im Bereich der privaten Altersvorsorge und der klassischen Vermögensverwaltung wird die starre Regel, die Anleihenquote im Portfolio entsprechend dem Lebensalter zu erhöhen (also im Alter mehr Anleihen zu halten), zunehmend hinterfragt. Wer in der Niedrigzinsphase eine hohe Anleihenquote hielt, erzielte geringere Renditen und schützte sich dennoch nicht vor Verlusten, als die Zinswende 2022 eintrat.

Dennoch wäre es voreilig, Anleihen vollständig abzuschreiben. Als Stabilitätsanker und zur Steuerung der Portfoliovolatilität bleiben sie für viele Anleger relevant – jedoch mit einer kritischeren Perspektive auf Risiken und Konditionen als noch in früheren Jahrzehnten.

Anleihen sind eine komplexe, facettenreiche Anlageklasse, die weder pauschal als sicher noch als obsolet bezeichnet werden kann. Ihre Konstruktion als Schuldtitel bietet einerseits Planbarkeit und Diversifikationspotenzial, birgt andererseits aber auch erhebliche Zins-, Kredit- und Inflationsrisiken, die in der Vergangenheit oft unterschätzt wurden. Die strukturellen Herausforderungen – exzessive Staatsverschuldung, geldpolitische Experimente historischen Ausmasses und veränderte Korrelationsmuster zu anderen Anlageklassen – haben das Bild der „sicheren“ Anleihe deutlich relativiert. Anleger, die dennoch in Anleihen investieren möchten, sollten breit diversifizieren, Kosten minimieren, Laufzeiten und Bonitäten bewusst wählen – und die Scheingewissheit einer vermeintlich risikolosen Anlage auf jeden Fall hinterfragen.

Bildnachweis: lerbank
Bildnummer: 1560557977
Bildquelle: IStockphoto.com


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