Die jüngste Korrektur an den Edelmetallmärkten hat vor allem die sogenannten Weissmetalle hart getroffen. Während Gold im ersten Halbjahr über sechs Prozent nachgegeben hat, fielen die Verluste bei Silber, Platin und Palladium deutlich stärker aus.
Damit haben die Weissmetalle den Rückgang des Goldpreises (schulbuchmässig) in gehebelter Form nachvollzogen. Gleichzeitig zeigt der Blick auf die vergangenen zwölf Monate, dass die langfristige Entwicklung trotz der aktuellen Schwäche weiterhin positiv ausfällt. Gold liegt auf Jahressicht bei plus 21 Prozent, Silber sogar bei mehr als 63 Prozent, Platin bei plus 18 Prozent und Palladium immerhin bei plus 12 Prozent. Die jüngste Schwächephase relativiert damit zwar einen Teil der kräftigen Gewinne, verändert aber nicht zwangsläufig den langfristigen Trend.
Silber: Zinssorgen überlagern starke Fundamentaldaten
Besonders stark fiel die Korrektur des Silberpreises aus. Mit einem Minus von 17 Prozent seit Jahresbeginn entwickelte sich das Edelmetall deutlich schwächer als Gold. Verantwortlich dafür war vor allem das veränderte Zinsumfeld. Sowohl die Europäische Zentralbank als auch die US-Notenbank haben zuletzt deutlich gemacht, dass die Inflationsbekämpfung weiterhin oberste Priorität besitzt. Die EZB erhöhte ihren Leitzins im Juni um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent, während die US-Notenbank unter ihrem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh überraschend falkenhafte Signale aussandte. Das CME FedWatch Tool preiste daraufhin zeitweise eine deutlich gestiegene Wahrscheinlichkeit weiterer Zinserhöhungen ein.
Steigende Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten aller Edelmetalle, da diese keine laufenden Zinserträge oder Dividenden erwirtschaften. Gleichzeitig sorgte der feste Dollar für zusätzlichen Gegenwind, weil Edelmetalle für Käufer ausserhalb des Dollarraums teurer werden. Diese Kombination belastete den gesamten Edelmetallsektor.
Dabei sprechen die Fundamentaldaten bei Silber weiterhin für einen grundsätzlich robusten Markt. Die Nachfrage stammt nicht nur von Investoren, sondern auch aus zahlreichen Industriebereichen wie Photovoltaik (PV), Elektronik, Elektromobilität oder dem Medizinsektor. Hinzu kommt, dass Silber in vielen Ländern gefördert wird und als Beiprodukt in zahlreichen Minenunternehmen automatisch anfällt und damit ein breiter diversifiziertes Angebotsspektrum als Platin oder Palladium aufweist. Kurzfristig dominieren jedoch die makroökonomischen Belastungsfaktoren inklusive der aktuellen Nachfrageschwäche bei PV-Anlagen.
Platin leidet unter Automobilbranche und Angebotsrisiken
Noch schwächer entwickelte sich Platin mit einem Minus von 22 Prozent seit Jahresbeginn. Neben den steigenden Zinsen und dem starken Dollar belasteten hier vor allem die Unsicherheiten in der Automobilindustrie. Platin wird überwiegend in Abgaskatalysatoren eingesetzt und reagiert deshalb besonders sensibel auf Absatzprognosen der Fahrzeughersteller sowie auf Veränderungen bei den Antriebstechnologien.
Hinzu kommt die hohe Konzentration der Förderung. Ein Grossteil des weltweiten Platinangebots stammt aus Südafrika, während auch Russland zu den bedeutenden Produzenten zählt. Streiks, Energieprobleme, geopolitische Spannungen oder Sanktionen können deshalb erhebliche Auswirkungen auf das Angebot und die Preisentwicklung haben. Diese Kombination aus zyklischer Industrienachfrage und konzentriertem Angebot sorgt regelmässig für stärkere Kursschwankungen als bei Gold.
Palladium erwies sich in H1 als das schwächste Weissmetall
Mit einem Rückgang von 24 Prozent seit Jahresbeginn verzeichnete Palladium die schwächste Entwicklung unter den drei Weissmetallen. Auch hier treffen mehrere Belastungsfaktoren zusammen. Hier hängt die Nachfrage in besonders hohem Masse von der Automobilindustrie ab, während gleichzeitig die Diskussion über den langfristigen Übergang zur Elektromobilität für Unsicherheit sorgt.
Auf der Angebotsseite ist der Markt ebenfalls stark konzentriert. Russland und Südafrika dominieren die weltweite Förderung, sodass geopolitische Risiken oder Produktionsausfälle erhebliche Auswirkungen auf den Markt haben können. Dadurch reagiert Palladium häufig deutlich empfindlicher auf Nachrichten als Gold oder Silber.
Ein Blick auf die historische 250-Tage-Volatilität verdeutlicht diese Unterschiede. Gold weist Ende Juni mit 34 Prozent die geringste Kursschwankungsintensität auf. Bei Silber betrug die Vola 81 Prozent und liegt damit deutlich an der Spitze. Platin folgt mit 67 Prozent und Palladium mit 68 Prozent. Die Volatilität gilt als wichtiger Risikomassstab für Anleger.
Trotz der höchsten Volatilität spricht bei Silber einiges für eine differenzierte Betrachtung. Neben der verlässlicheren Nachfrage- und Angebotsstruktur zählt Silber – verglichen mit Platin und Palladium – als der liquidere Markt. Für Anleger bedeutet dies: Die Kursschwankungen fallen zwar häufig sehr kräftig aus, gleichzeitig ist das Marktumfeld strukturell weniger von einzelnen Branchen oder Förderregionen abhängig als dies bei dPlatin und Palladium der Fall ist.
Bei allen drei Weissmetallen – Silber, Platin und Palladium – wird auch für 2026 ein Nachfrageüberhang gegenüber dem Angebot erwartet. Besonders ausgeprägt ist dieser Sachverhalt bei Silber und Platin: Hier könnte 2026 laut Analystenschätzungen bereits das sechste beziehungsweise vierte Angebotsdefizit in Folge verzeichnet werden. Solche strukturellen Angebotsdefizite gelten grundsätzlich als unterstützender Faktor für die Preisentwicklung. Sie stellen jedoch nur einen von mehreren Einflussfaktoren dar und werden kurzfristig häufig von makroökonomischen Themen wie Zinsen, Wechselkursen oder der Konjunkturentwicklung überlagert.
Bildnachweis: pro aurum
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