Prof. Christoph Schickhardt zählt zu den bekanntesten Sportrechtlern Deutschlands und berät seit Jahrzehnten Bundesliga-Clubs, Trainer und Spitzensportler. Im Interview spricht er über die WM 2026, die Macht der FIFA, die 50+1-Regel, Investoren, Fan-Kultur und die Zukunft des Profifussballs.

Herr Prof. Schickhardt, im Juni findet in Nordamerika – unter Bedingungen, die alles andere als optimal zu nennen sind – die Fussball-WM statt. Welche rechtlichen Themen rücken bei einem solchen Grossereignis besonders in den Fokus?

Ja, das sind wirklich schwierige rechtliche Konstellationen: eine WM in drei Ländern, USA, Kanada, Mexiko. Alle drei haben sich gemeinsam mit einer einzigen Initiative vor vielen Jahren um die WM beworben und den Zuschlag erhalten. Jetzt gibt es zwischen ihnen die damals für unmöglich gehaltenen Konflikte. Auch die Welt des Fussballs wird immer verrückter. Das Schlimmste ist für mich eigentlich, dass mittlerweile der Präsident eines Gastgeberlandes und der FIFA-Präsident die WM praktisch als privates Forum für einen weltweiten Auftritt nutzen. Schade drum.

Wenn aber immer mehr Länder teilnehmen – jetzt sind es mittlerweile 48 –, ist klar, dass auch immer mehr rechtliche und politische Probleme entstehen. Denken Sie hier nur an die strafrechtliche Verfolgung oder an die Einreiseproblematik und es scheint heute sogar eine Rolle zu spielen, ob in einem US-WM-Standort der Bürgermeister ein Republikaner oder ein Demokrat ist. Die Welt spielt auch im Fussball verrückt.

Aber: Bei den 104 Spielen werden auch richtige Leckerbissen dabei sein. Man kann nur hoffen, dass man zum richtigen Zeitpunkt einschaltet.

Der internationale Spielkalender wird immer dichter. Gleichzeitig wächst der Konflikt zwischen der FIFA und Ligen, Clubs sowie Spielern. Ist aus Ihrer Sicht bald eine rechtliche Grenze erreicht, nach deren Überschreiten sich diese Akteure künftig stärker zur Wehr setzen könnten?

Das ist wirklich ein Wahnsinn! Die finanzielle Optimierung bestimmt den Terminkalender – immer mehr Spiele, immer weitere Reisen, immer weniger Abstände zwischen den Spielen. So ist auch die Grenze der gesundheitlichen Zumutung – was arbeitsrechtlich und verbandsrechtlich inzwischen eine Rolle spielt – längst erreicht. Letztlich kann nur der ausgeruhte, unverletzte und körperlich fitte Spieler eine gute Leistung und ein attraktives Spiel bieten.

Die Rotation der Trainer ist deshalb auch ein Teil der Gesundheitsfürsorge für die Spieler. Zur Wehr setzen können sich die Spieler dagegen kaum: Wenn einer schlappmacht, steht schon der nächste bereit und nimmt freudig dessen Platz ein. Das Konkurrenzverhältnis ist knallhart.

Das hat mit dem Gehalt nichts zu tun. Wer müde ist, ist müde, egal, wie viel er verdient. Man sollte jetzt eine absolute Grenze ziehen. Die Spieler brauchen unbedingt eine Ruhephase und auch eine ausreichende Urlaubszeit.

Denken Sie auch einmal etwa an den Trainer des FC Bayern München mit weit über 50 Pflichtspielen, dauernd englischen Wochen, weiten Reisen und einem riesigen Druck und einer gewaltigen Anspannung mit wenig Zeit zum Durchatmen. Das muss man auch erst einmal verkraften und dabei noch gelassen bleiben und Ruhe ausstrahlen.

Wenn wir vom globalen Turnier auf die grundsätzlichen Kräfteverhältnisse im europäischen Clubfussball blicken: Die Premier League dominiert aus wirtschaftlicher Sicht nach wie vor den europäischen Fussball. Ist die Bundesliga trotz geringerer Finanzkraft strukturell besser aufgestellt als die Ligen in anderen Ländern oder wird sie dadurch langfristig eher ausgebremst?

Natürlich schiesst Geld Tore! Man kann sich auch eine megateure Mannschaft zusammenkaufen und wird letztlich Erfolg haben – siehe PSG.

Aber Fussball bleibt ein Spiel, das auch im Herzen und mit Emotionen entschieden wird: Bayern München ist dreimal Champions-League-Sieger geworden – und zwar jedes Mal dann, wenn die Bayern einen Trainer hatten, der die Herzen der Spieler berührt, ihre Leidenschaft geweckt und ein echtes Team geschaffen hat: Ottmar Hitzfeld, Jupp Heynckes, Hansi Flick.

Die Dominanz in England sehe ich nur beim Geld. Dagegen wirken die anderen Länder wirklich wie „Armenhäuser“. In Deutschland profitieren wir in der Bundeliga bis heute von der WM 2006 in Deutschland – damals haben wir neue moderne Stadien gebaut. Hier sind wir bis heute im Vergleich zu England, Spanien, Frankreich und insbesondere Italien spitze. Wir haben auch eine unvergleichliche Fankultur – mit einem Fussballboom bis in die vierte Liga, wenn dort Traditionsmannschaften aufeinanderstossen. Das Zuschauerinteresse in Deutschland ist weltweit einmalig. Wir müssen aber auf die Wettbewerbsfähigkeit achten: Zu einem guten Fussballspiel gehören immer zwei Mannschaften. Ein spannendes Spiel gibt es aber nur auf Augenhöhe. Daraus folgt: Die Mannschaften der Bundesliga müssen untereinander konkurrenzfähig bleiben.

Bayern München hat hier einen gewaltigen Vorsprung, der für die Spannung in der Liga richtig gefährlich ist: Irgendwann wird Bayern bereits an Weihnachten Deutscher Meister und selbst der zweite, dritte oder vierte Club hat kaum noch eine Chance.

Leipzig, Dortmund und Leverkusen spielen eigentlich viel zu schlecht für ihre Ansprüche. Wenn es gegen die Bayern geht, bleiben sie zumeist chancenlos: Mein „Hausverein“, der VfB Stuttgart, verlor als Dritter der Bundesligatabelle diese Saison schon dreimal mit einer wahren Bayern-Tor-Flut. Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart und SC Freiburg haben in den letzten fünf Jahren die Liga energisch vorangebracht und absolut belebt. Andere Clubs müssten aber einfach besser nachziehen. Sie haben zumindest das gleiche Potenzial. Schalke und Hertha BSC gehören sicher zu diesen Clubs mit Perspektive.

Die 50+1-Regel steht immer wieder in der Kritik. Halten Sie diese noch für zeitgemäss – oder braucht der deutsche Fussball mehr Investorenfreiheit?

Die 50+1-Regel, die den Einfluss der Muttervereine in der Gesellschafterversammlung der ausgegliederten Kapitalgesellschaft sichern soll, steht seit über 20 Jahren in der Kritik. Der deutsche Fussball hatte leider nicht die Energie, die an sich lobenswerte Regelung zu modernisieren und anzupassen. Die Bundesliga hat nie ihren Gestaltungsauftrag, den die Verbandsautonomie per Grundgesetz den Verbänden einräumt, genutzt. Jetzt liegt die Sache beim Bundeskartellamt, wodurch man die Regelung letztlich nicht mehr selber in der Hand hat.

Die 50+1-Historie ist die Geschichte von 1.000 vergebenen Chancen.

Allerdings: Durch den enormen Anstieg der Transferentschädigungen, die auch die deutschen Vereine erhalten können – inzwischen bis zu 80 oder 100Millionen Euro für einen Spieler –, ist die Bedeutung von Investoren ein wenig in den Hintergrund getreten. Ein Investor bedeutet heute bei einem gut geführten Verein weniger eine volle Kasse für Ausgaben für Spieler als vielmehr eine Steigerung von Bonität, Kreditwürdigkeit, Stabilität und finanziellem Spielraum für strukturelle Verbesserungen.

Der Frauenfussball wächst rasant. Wo sehen Sie aktuell die grössten rechtlichen Baustellen – etwa bei Verträgen, Vermarktung oder Gleichbehandlung?

Der Frauenfussball nimmt eine rasante Entwicklung. Das ist auch richtig gut so und steht für Veränderungen in der Gesellschaft. Vielen Sponsoren fällt ein finanzieller Beitrag für den Frauenfussball inzwischen leichter als bei den Männern. Die Frauen bilden sympathische Teams, spielen attraktiven Fussball, bleiben bescheiden und bodenständig und verkörpern einen tollen Sport, den die Menschen als herzerfrischend und nicht erklärbar auffassen. „Equal payment“ ist weit entfernt, aber immerhin bewegt man sich auf eine Entwicklung zu, in der die besten Frauen wenigstens ein Zwanzigstel ihrer männlichen Kollegen verdienen.

Dass da noch Luft nach oben ist, braucht man nicht extra zu betonen. Der DFB muss noch viel mehr für den Frauen- und Mädchenfussball tun – auch um unsere tollen Mannschaften international aufzuwerten, insbesondere gegenüber einer Konkurrenz in Ländern, wo der Frauenfussball auf gleiches oder noch grösseres Interesse als der Männerfussball stösst.

Aber: Die Zukunft gehört dem Frauenfussball!

Sie haben in der Vergangenheit bereits zahlreiche Clubs sowie Sportler anderer Disziplinen beraten bzw. vor Gericht vertreten: Können Sie uns eine besonders prägende oder interessante Anekdote aus Ihrer langjährigen beruflichen Praxis erzählen?

Im Laufe der Jahre entwickelt sich natürlich eine tiefe Verbundenheit und gelegentlich entstehen auch stabile Freundschaften zu einzelnen Sportlern oder Trainern. Es ist einfach ein enormes Erlebnis, das Auf und Ab mitzuerleben, den Mandanten dabei zu begleiten und festzustellen, wie sich ein Sportler oder Trainer dabei entwickelt. In den 45 Jahren meiner Tätigkeit als Rechtsanwalt im Sport haben sich viele stabile und tolle Beziehungen zu etlichen Sportlern entwickelt. Dazu gehören natürlich die Trainer Joachim Löw, Armin Veh, Hansi Flick oder Wolfgang Wolf. Aber natürlich auch die besonders im Mittelpunkt stehenden Boxer wie Luan Krasniqi, Regina Halmich oder Arthur Abraham. Man leidet dann auch mit ihnen und zittert von Spiel zu Spiel oder von Runde zu Runde.

Stabil ist eine solche Beziehung erst, wenn man bei Siegen und Niederlagen dabei war. Bei Siegen ist es oftmals kein Kunststück, schliesslich drängen an einem grossartigen Tag alle ans Licht und wollen ein bisschen von dem Ruhm abbekommen. Bei Niederlagen sieht es dann schon häufig anders aus. Es ist wie beim Gold – die Werthaltigkeit erkennt man erst auf Dauer.

So ist es für mich und meine Frau Ruth zum Beispiel eine riesige Freude und Genugtuung, jetzt den Triumpf unseres Freundes Hansi Flick miterleben zu dürfen. Vor ein paar Jahren hatten wir beim DFB noch eine ganz andere gemeinsame Erfahrung und wirklich schwere Stunden miterlebt. Solche Momente wie jetzt für Hansi lassen auch unser Herz höherschlagen.

Was hat sich im Sportrecht in den vergangenen Jahrzehnten am stärksten verändert – und was überrascht Sie bis heute?

Im Sport ist es im Übrigen wie in der Gesellschaft – die Neigung zum Streiten und Prozessieren nimmt einfach zu. Viele Beteiligten im Profifussball halten sich heute nicht mehr an ein gesprochenes Wort, einen Handschlag oder eine mündliche Zusage. Dann lässt man eben später bei Gericht die Beweislast entscheiden. Ich habe wunderbare Protagonisten aus dem Wirtschaftsleben im Fussball kennengelernt – ich denke hier nur an Martin Kind, Dietrich Mateschitz, Dietmar Hopp, Uli Hoeness, Karl-Heinz Rummenigge und etliche andere – da galt einfach das Wort eines Mannes und man konnte sich darauf verlassen.

Heute umfasst ein Arbeitsvertrag zwischen einem Verein der zweiten Bundesliga und einem ganz normalen Spieler fast 40 Seiten und es immer noch nicht alles geregelt. Dann verklagt man schon mal den eigenen Verein und beruft sich darauf, dass man sich nicht mehr erinnern kann, was man damals vereinbart hat. Früher war es aber auch nicht gang und gäbe, dass man im normalen Arbeitsleben den Arbeitgeber verklagt. Auch dies gehört heutzutage leider dazu.

Was gefällt Ihnen aktuell am Profifussball – und was bereitet Ihnen mit Blick auf die Zukunft die grössten Sorgen?

Die grösste Freude macht eigentlich die Vereinstreue vieler Fans zu ihrem Heimatverein – nicht nur in der Kurve. Das erste Spiel im Stadion an der Hand des Vaters bleibt seit Generationen für ein ganzes Leben unvergesslich und prägt die Zugehörigkeit zu diesem Verein für immer. Dieser Teil der Fans geht mit den Clubs rauf und runter, zum Teil bis in die vierte Liga. Auch haben sich die Fans, selbst die Ultras, beispielsweise in der Corona-Krise gesellschaftlich ausserordentlich positiv und hilfsbereit verhalten. Der normale Fan ist das grösste Kapital des Fussballsports. Er will faire, attraktive Spiele gewalt- und skandalfrei erleben – eben ein komplettes Fussballerlebnis. Es muss nicht gleich zur Weltanschauung werden.

Grosse Sorgen müssen einem die Gewaltexzesse in den Stadien und die zunehmende Polarisierung in vielen Clubs und Vereinen machen. Viele Vereine sind heute leider auch eine beliebte Bühne für Wichtigtuer und Profil-Neurotiker. Die Vernunft muss einfach Oberhand gewinnen: sportlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Dann bleibt der Fussball auf der Sonnenseite und die Nummer eins in Deutschland.

Und zu guter Letzt noch eine rein sportliche Frage: Welcher Mannschaft trauen Sie in diesem Jahr am ehesten zu, Fussballweltmeister zu werden?

Das ist die wohl schwierigste Frage: Wir wissen kaum etwas um die Stärke der südamerikanischen Mannschaften wie Brasilien und Argentinien. Wie stark ist Mexiko bei sich zu Hause? Ich tippe wieder auf ein Endspiel zwischen Frankreich oder Spanien mit Argentinien. Spanien ist bestimmt der sicherste Tipp für diese WM.

Bildquelle: Prof. Christoph Schickhardt


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